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Kein Grund zur Panik

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Leitartikel. Ist das deutsche Beschäftigungswunder die längste Zeit ein Wunder gewesen? Wer die aktuelle Arbeitslosenprognose der Bundesregierung nur oberflächlich zur Kenntnis nimmt, der könnte die Frage mit "Ja" beantworten. Doch Panikmache ist unangebracht. Stefan Vetter

Wenn allein im vergangenen Jahr mehr als eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kamen, dann kann das nicht spurlos am Arbeitsmarkt vorübergehen.

Steigen vor diesem Hintergrund die Arbeitslosenzahlen, dann heißt das freilich auch, dass immer mehr Neuankömmlinge ihr Asylverfahren durchlaufen haben und nun gewissermaßen den Arbeitsmarkt erreichen. Erst dann werden sie nämlich von der Bundesarbeitsagentur erfasst. Und erst dann kann endlich auch die Integration ins Erwerbsleben starten. Insofern hat die Regierungsprognose sogar etwas Positives.

Bereits im vergangenen Jahr war bekannt geworden, dass die Arbeitsagenturen das Ausmaß der Arbeitslosigkeit von Flüchtlingen ab Mitte 2016 gesondert erfassen würden. Dies sorgte damals für böses Blut, weil Kritiker fürchteten, die Regierung könnte das Problem auf diese Weise klein rechnen. Seit Juni lässt sich die Entwicklung nun schwarz auf weiß nachlesen. Aktuell sind 5,3 Prozent der Arbeitslosen Flüchtlinge. Dieser Anteil wird zwangsläufig erst einmal weiter zunehmen. Wann sich der Trend stoppen oder gar umkehren lässt, hängt von vielen Faktoren ab. Zuallererst natürlich von der Integrationswilligkeit der Flüchtlinge selbst. Von ihrer Bereitschaft, sich auf die deutsche Gesellschaft einzulassen. Doch das kann keine Einbahnstraße sein. Die Sprachförderung bleibt das A und O.

Zugleich müssen genügend staatliche Integrationskurse zur Verfügung stehen. Genauso wie Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, denn das Qualifikationsniveau der allermeisten Neuankömmlinge ist gering. Notwendig ist auch eine Anerkennung von Berufsabschlüssen, die nicht unbedingt immer den hohen deutschen Standards entsprechen. Zweifellos sind hier auch die Unternehmen in der Pflicht. Dabei ist es kein Nachteil, dass viele von ihnen dringend Personal suchen und sich deshalb selbst ins Zeug legen (müssen), um Eignungsdefizite potenzieller Bewerber abzubauen.

Inzwischen haben sich die Rahmenbedingungen grundlegend geändert: Bis 2020 erwartet die Bundesregierung einen Anstieg der Beschäftigtenzahl um eine Million auf gut 44 Millionen. Ebenfalls nachzulesen in ihrer aktuellen Prognose. Damit wäre das Wunder also noch lange nicht vorbei.

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