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| 15:15 Uhr

Buch der Woche
Widerständige Urgroßmutter

Ida Kretzschmar
Ida Kretzschmar FOTO: LR / Sebastian Schubert
Sympathisch erscheint er nicht gerade, der Doktor Freud. Er ist die heimliche Hauptfigur dieses Romans „Ida“ über seine wohl berühmteste Patientin. Und obwohl sie später als „Fall Dora“ in die Geschichte der Psychoanalyse eingehen wird, weil Sigmund Freud daran sein theoretisches Konzept der Übertragung erklärt, das als bahnbrechend gilt, kann er nicht verhindern, dass Ida die Behandlung bei ihm nach kurzer Zeit beendet. Von Ida Kretzschmar

Zu abenteuerlich kommen ihr wohl seine Deutungen vor, zu kühl und distanziert sein Auftreten. Ihr ganzes Leben lang wird sie das Klicken der Uhrkette im Ohr haben, wenn er hinter ihr stand, während sie auf dem Sofa lag, und nach ihrer Seele verlangte. Katharina Adler legt in ihrem Debütroman über ihre Urgroßmutter Wert darauf, mehr als die Hysterikerin zu zeigen. Ida Bauer, 1882 in Wien geboren, war die Schwester des österreichischen Politikers Otto Bauer. Und sie war die Tochter des jüdischen Textilfabrikanten Philipp Bauer, eines an Syphilis leidenden Lebemannes, und dessen Ehefrau Katharina. Ab dem achten Lebensjahr quälte sich Ida mit Migräne und nervösem Husten. Die Migräne verschwand in der Jugend und machte einer Stimmlosigkeit Platz. Mit 16 Jahren wurde sie erstmals Freud vorgestellt, der bereits ihren Vater behandelt hatte. Die Therapie aber begann erst zwei Jahre später und war nur mäßig erfolgreich. Im Roman fühlt sich Ida dem selbstgerechten Begründer der Psychoanalyse ausgeliefert, glaubt, dass er ihre Träume gegen sie verwendet. Und so zeigt sie sich widerspenstig, bricht die Therapie ab. 1904 heiratet Ida Bauer den Unternehmer und Komponisten Ernst Adler. Auch von den Tücken dieser Ehe erzählt der Roman. Und von dem gemeinsamen Sohn Kurt Herbert Adler, der sich als Dirigent, Kapellmeister und Operndirektor der San Francisco Opera Company hervortat. Zu ihm flüchtete Ida 1939, wo sie später an Krebs starb. Ihre Urenkelin aber versucht deutlich zu machen, warum diese Frau am Ende selbstgerecht und unsympathisch wirkt, so wie sie einst den Doktor Freud empfunden hat. Katharina Adler hat dem Fall aus der Psychoanalyse Leben eingehaucht, biografische Elemente und Episoden eingeflochten. Aber es bleibt ein Roman. Direkt aus der inneren Hölle.

Katharina Adler: Ida. Rowohlt-Verlag, 512 Seiten, 25 Euro
Katharina Adler: Ida. Rowohlt-Verlag, 512 Seiten, 25 Euro FOTO: Rowohlt