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| 18:49 Uhr

Die neue Welt
Kanadas Kennedy

Christine Keilholz hat in Toronto - jedenfalls für acht Monate - eine neue Heimat gefunden.
Christine Keilholz hat in Toronto - jedenfalls für acht Monate - eine neue Heimat gefunden. FOTO: Christine Keilholz
Unsere Korrespondentin Christine Keilholz ist nach Kanada ausgeflogen. Sie wurde für ein Journalisten-Seminar an der Universität Toronto ausgewählt. Über ihre Erlebnisse schreibt sie jeden Dienstag in dieser RUNDSCHAU-Kolumne.

Deutsche mögen Vieles an Kanada. Auch den kanadischen Ministerpräsidenten. Das hat mit den USA zu tun. Seit im Weißen Haus in Washington vor zwei Jahren ein neuer Geist einzog, guckt Europa mit einer Hoffnung und Verzweiflung weiter nördlich. Und findet dort eine Führungsfigur, die so ganz anders wirkt als Donald J. Trump. Als Gegenmodell zum amtierenden 45. Präsident der Vereinigten Staaten hat Kanada einen 23. Ministerpräsidenten, der gut aussieht, jung ist und nett. In gewisser Weise hat Trump auf diese Weise Justin Pierre James Trudeau zum Superstar gemacht. Und Kanada zum freundlicheren Amerika.

Die Kanadier schätzen an Justin Trudeau (l.) den scharfen Geist und den Hundeblick. Auch seine lässige Art, steife Politiker-Outfits zu tragen, kommt gut.
Die Kanadier schätzen an Justin Trudeau (l.) den scharfen Geist und den Hundeblick. Auch seine lässige Art, steife Politiker-Outfits zu tragen, kommt gut. FOTO: LR / Christine Keilholz

Trudeau bedient dieses Bild bestens. Die Kanadier kannten den 46-Jährigen schon als kleinen Jungen. Er wurde 1971 geboren als Sohn des Premierministers Pierre Trudeau. Das machte ihn zum purpurgeborenen Prinzen, für den sich das Land auch interessierte, als der Vater längst abgetreten war. Trudeau Junior arbeitete lange als Lehrer. Seine politische Karriere begann, als er 2000 eine hingebungsvolle Rede auf der Trauerfeier für seinen Vater hielt. 15 Jahre später holte er für die Liberale Partei einen fulminanten Wahlsieg und wurde der zweitjüngste Ministerpräsident, den das Land bis jetzt hatte. Einer, der sich selbst Feminist nennt, der sich bei der indigenen Bevölkerung entschuldigt, der Cannabis legalisiert und auf kontrollierte Weise twittert. Trudeau hat 4,3 Millionen Follower – wenig zwar gemessen an Trumps 54,7 Millionen, aber die USA hat auch achtmal so viel Bevölkerung wie Kanada.

Die Trudeaus sind Kanadas Kennedys. Über Vater Trudeau sagte ein schlauer Beobachter mal, er sei politisch so erfolgreich aus drei Gründen: „Er hat einen französischen Namen, englische Manieren und sieht aus wie ein Indianer.“ Damit verkörperte der Senior die drei Hauptsäulen der kanadischen Kultur, was ihm auch dann half, als es nicht gut lief. So nahmen die Kanadier Pierre Trudeau sogar die jahrelange Scheidungsschlacht mit seiner viel jüngeren Frau Margaret um die drei Söhne nicht krumm.

Auch Justin Trudeau kann jetzt auf einen Familienbonus hoffen, denn er hat soeben einen gigantischen politischen Misserfolg eingefahren. Das Freihandelsabkommen Nafta mit den USA, soeben beschlossen, enthält für Kanada wenig Gutes. Amerikanische Farmer bekommen mehr Zugang zum kanadischen Markt, das bedeutet neue Konkurrenz für Ontarios Landwirtschaft. Und die hohen Zölle, die Trump auf kanadisches Stahl und Aluminium schlagen will, sind längst nicht aus dem Gespräch. Trotzdem legte Trudeau nach nächtlicher Verhandlungsrunde sofort wieder das Lächeln auf, das die Welt von ihm kennt.

Witz hat er auch, der Premier. Seine Frau Sophie sagt über ihn, er sei manchmal „ein bisschen schlampig, aber er macht hübsche Babies“. Auch dazu pflegt er zu lächeln.
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