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| 16:47 Uhr

Buch der Woche
Familienvater im Fegefeuer

Ida Kretzschmar
Ida Kretzschmar FOTO: LR / Sebastian Schubert
Juli Zeh hat einen Familienroman geschrieben. Aufregend ist das auf den ersten Seiten nicht. Theresa und Henning reisen mit ihren quirligen Kindern nach Lanzarote, weil ihn die schwarze Insel irgendwie anzieht. Von Ida Kretzschmar

Auch wenn er seine Familie liebt, er obendrein einen passablen Job hat: Dem Mann wächst alles über den Kopf. Auch dieser Urlaub. Dort packt ihn nicht nur die Eifersucht, es werden auch Erinnerungen wach, die kaum auszuhalten sind. An dieser Stelle weiß ich wieder, warum ich die Bücher dieser jungen preisgekrönten Autorin seit „Unterleuten“ nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Es beginnt mit der Beschreibung, wie dieser Mann sich am Neujahrsmorgen mit dem Rad den steilen Aufstieg nach Femés heraufquält. Ohne richtige Ausrüstung, ohne Proviant und Wasservorrat. Kein Wunder, dass da plötzlich Bilder vor ihm aufsteigen, einer Fata Morgana gleich und doch so deutlich, dass sie das Monster in seinem Inneren zu wecken vermögen. Während er sich gegen den Wind stemmt, förmlich am Limit strampelt, denkt er über sein Leben nach. Warum tobt ein Fegefeuer in ihm, obwohl scheinbar alles seine Ordnung hat? Völlig erschöpft erreicht er den Pass und sieht diese Wand voller Spinnen, die ihn schon in seiner Kindheit nicht schlafen ließ. Aber dieser Ort erinnert ihn an weitaus Schlimmeres, was ihn und seine Schwester fast das Leben gekostet hat, es ihm noch immer zur Hölle macht. Der großartigen Erzählerin gelingt es, das nicht nur fiebrig spannend zu beschreiben. Beim Lesen stellt sich auch die bohrende Frage: Sind wir dem ausgeliefert, was wir von Kindesbeinen an erlebt haben, oder gibt es eine Chance, sich daraus zu befreien und einen eigenen Weg zu finden? Wir sollten es wenigstens versuchen. An einem Neujahrstag oder an irgendeinem anderen.

Juli Zeh: Neujahr. Luchterhand-Verlag, 190 Seiten, 20 Euro
Juli Zeh: Neujahr. Luchterhand-Verlag, 190 Seiten, 20 Euro FOTO: Luchterhand