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| 16:02 Uhr

Buch der Woche
Ein Genie aus Cottbus

Ida Kretzschmar
Ida Kretzschmar FOTO: LR / Sebastian Schubert
Schon vor 200 Jahren hat die zeitgenössische Kritik Carl Blechen als Genie bezeichnet. Was damals selten war, ging man doch mit diesem Begriff eher sparsam um. Als man seit etwa 1835 von seiner Geisteskrankheit wusste, spielte auch der schmale Grat von Genie zum Wahnsinn eine gewisse Rolle. Von Ida Kretzschmar

Die Kunsthistoriker Iris Berndt und Helmut Börsch-Supan laden ein, die „Innenansichten eines Genies“ zu ergründen. Bei einem bildenden Künstler geschieht das durch vielfache Beobachtung. Beim Betrachten seiner einzigartigen Landschaftsmalerei, die nicht nur in Berlin, sondern auch in Branitz zu bewundern und dennoch weithin unbekannt ist, heißt das nicht nur, sich in seine Zeit zurückzuversetzen. Man könne sich zugleich auf die Unveränderlichkeit menschlichen Fühlens verlassen und auf das eigene Auge vertrauen, heißt es im Vorwort eines Buches, das in Wort und Bild an den berühmten Sohn der Stadt Cottbus erinnern will. Seinem 220. Geburtstag ist am 29. Juli ein musikalisch-literarisches Programm gewidmet. Dazu lädt die Carl-Blechen-Gesellschaft gemeinsam mit der Pückler-Stiftung ab 18 Uhr ins Schloss Branitz ein. Blechen vermochte es, „den Widerhall des Göttlichen“ weiterzutragen, wie seine Zeitgenossin, die Dichterin Bettina von Arnim sein „Trinken der Natur und Wideraushauchen“ beschreibt.

Und doch gleicht Blechens Leben einem Drama, in dem er in kaum 15 Jahren ein umfängliches Werk förmlich vulkanartig herausschleudert. Seiner Kindheit in Cottbus wird ein eigenes Kapitel gewidmet. Zerrüttete Familienverhältnisse, der Vater ertränkt sich in der Spree. In bedrängten wirtschaftlichen Verhältnissen erwacht eine unstillbare Neigung zur Kunst. Mit 17 verlässt Carl Blechen Cottbus und geht in die Bankkaufmannslehre nach Berlin. Und doch ist seine Bestimmung die Malerei. In seinen frühsten Werken der Studienzeit an der Akademie fällt auf, dass nahezu alle seine späteren Motive bereits vertreten sind: Burgruinen auf einem Berg, gotische Kirchenruinen, Torbögen, Einsiedler im Wald mit Kapelle, kahle Bäume, die wie Menschen die Arme ausbreiten, Felsen, Wasser in vielen Facetten...

Das Buch beschreibt, wie Blechen auf Reisen seinen geistigen Horizont erweitert und seine Italiensehnsucht auslebt. Wie die Krankheit sich seiner bemächtigt und die dunkle Seite der Kreativität hervorbricht. Den Verlust des Daseinszwecks. Er wurde nur 42 Jahre alt. Ein Buch, in dem wissenschaftlich akribisch und detailreich aus vielen Quellen geschöpft wird. Die Malerei und Grafik des 18. und 19. Jahrhunderts gehört zu den Arbeitsschwerpunkten der in Potsdam lebenden Kunsthistorikerin Dr. Iris Berndt. Und auch der Berliner Kunsthistoriker Prof. Dr. phil. Helmut Börsch-Supan beschäftigte sich vielfach mit dieser Zeit, vor allem mit der Landschaftsmalerei von Caspar David Friedrich. Er veröffentlichte auch ein Werk über Schinkel, ein wichtiger Weggefährte Blechens.

Im Betrachten und Beschreiben von Werk und Leben Carl Blechens ermöglichen die Autoren, und das ist besonders erwähnenswert, vergleichende Blicke. Bei aller kunsthistorischen Akribie ist das Buch nicht nur von wissenschaftlichem Interesse. Denn es öffnet Türen zu Carl Blechen, die angelehnt oder verschlossen schienen. Und es ermuntert, weiter nach dem verborgenen Quellgrund seines Schaffens zu suchen. Schon in der Gedächtnisrede auf den 1840 verstorbenen Maler hieß es, „Er fühlte das Geheimnis der Natur in seinen Händen.“

Iris Berndt, Helmut Börsch-Supan: Carl Blechen. Innenansichten eines Genies,112 Seiten, Lukas-Verlag, 20 Euro
Iris Berndt, Helmut Börsch-Supan: Carl Blechen. Innenansichten eines Genies,112 Seiten, Lukas-Verlag, 20 Euro FOTO: Lukas Verlag