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| 17:54 Uhr

Leitartikel zum G7-Gipfel
In der Sinnkrise

 Ellen Hasenkamp
Ellen Hasenkamp FOTO: MOZ
Vieles wird sein wie immer: eine herrliche Kulisse, mächtig Medienrummel und schwer bewaffnete Sicherheitskräfte. Im mondänen Hôtel du Palais an der südlichen Atlantikküste empfängt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron seine G7-Kollegen aus den großen Industriestaaten der Welt. Von Ellen Hasenkamp

Ein jährliches Ritual inklusive Familienfoto und buntem Abend.

Doch in Biarritz wird auch vieles anders sein als sonst: Das Format steckt in einer tiefen Sinnkrise. Das liegt zum einen und schon länger an den außer Kontrolle geratenen Dimensionen. Was vor mehr als vierzig Jahren als gemütliche Kaminplauderei im Schloss von Rambouillet begann, hat sich zu einem Megaevent mit unerfüllbarem Erwartungsdruck entwickelt. Zum anderen aber – das ist das aktuelle und weit größere Problem – ist von einem G wie Gemeinschaft nicht mehr viel übrig. Was natürlich vor allem an US-Präsident Donald Trump liegt. Schon bei seinem ersten G7-Gipfel auf Sizilien vor zwei Jahren verwandelte er die einstigen Gespräche unter Gleichgesinnten in ein gnadenloses Powerplay. Von den Themen Klima, Handel und Flüchtlinge blieben damals nur ein paar traurige Formelkompromisse übrig. Der zweite G7 in der Zeitrechnung nach Trump vergangenen Sommer in Kanada misslang dann vollends: Der US-Präsident erklärte die Ergebnisse per Twitter für null und nichtig.

Man darf also gespannt sein, für welche Form der Sabotage sich der US-Präsident diesmal entscheidet. Mit dem möglichen Verzicht auf eine allumfassende Abschlusserklärung scheint Macron zumindest deren öffentliches Scheitern oder Schreddern verhindern zu wollen. In Wahrheit gibt es aber auch nicht mehr viel, was die G7 dort hineinschreiben könnten. Die USA schießen in Sachen Weltwirtschaft, Umweltschutz sowie Umgang mit Russland quer, und mit Boris Johnson hält nun auch ein europäischer Spaltpilz Einzug in die Runde.

Diese einigermaßen desolate Lage versucht Macron nun durch eine Mischung aus Pragmatismus und dem ihm eigenen Aktionismus zu überdecken. Mit drei Tagen ist der Gipfel länger als sonst, eingeladen sind jede Menge externe Gäste, das Programm soll durch „innovative Formate“ aufgelockert werden.

Womöglich wird es zu einzelnen Themen wie Digitalisierung in Afrika oder Kampf gegen Ungleichheit sogar doch noch Papiere geben, aus denen sich dann jeder heraussuchen kann, was ihm gefällt. Kommuniqué-Buffet à la G7. Derweil türmen sich in der Welt die Probleme wie die Atlantikwellen vor den baskischen Stränden.

⇥politik@lr-online.de