ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:27 Uhr

Homöopathie droht Rotstift

Berlin. Gerade erst hat die Regierung Beitragserhöhungen für die Krankenversicherten verkündet. Nun wird auch noch über Kürzungen bei den Kassenleistungen diskutiert. Union und FDP zeigten sich am Montag offen für einen Vorstoß der Sozialdemokraten, die Bezahlung von homöopathischen Behandlungen zu streichen. Die RUNDSCHAU erklärt die Beweggründe der Politiker für diese Pläne. Von Stefan Vetter

Auslöser des Wirbels ist der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Ihm geht es allerdings weniger um die Kosten, sondern um den zweifelhaften Nutzen der Alternativmedizin. “Wenn die Krankenkassen für Homöopathie zahlen, und damit für etwas, was gar nicht wirkt, dann ist das eine gefährliche Form der Verschwendung„, sagte Lauterbach der RUNDSCHAU. Der Patient werde getäuscht. Deshalb solle den Kassen die Bezahlung der Homöopathie verboten werden. Bei besagter Behandlungsmethode bekommen Kranke bestimmte Mittel in hoher Verdünnung verabreicht, die in größerer Konzentration bei Gesunden ähnliche Krankheitserscheinungen hervorrufen. Hat ein Patient zum Beispiel Fieber, wird ein Mittel verwendet, dass bei Gesunden Fieber auslöst. Wissenschaftliche Belege für einen nachweisbaren Nutzen dieser Therapie gibt es nicht. Trotzdem schwören viele Menschen auf solche Naturheilmittel.

Erstaunlich an Lauterbachs Vorstoß ist, dass seine Partei selbst mit dafür gesorgt hat, die Homöopathie als Kassenleistung salonfähig zu machen. Seit dem 1. April 2007, also noch zu Zeiten der Großen Koalition, dürfen die gesetzlichen Krankenkassen entsprechende Wahltarife anbieten. Davon wird aber nur wenig Gebrauch gemacht, weil die Versicherten laut Gesetz so mindestens drei Jahre lang an ihre Kasse gebunden sind. Das gilt auch bei zwischenzeitlichen Beitragserhöhungen. Das dafür sonst übliche Kündigungsrecht entfällt. Gesetzlich Versicherte können sich aber auch über eine private Zusatzversicherung oder eine integrierte Versorgung ihre alternative Behandlung erstatten lassen. Bei der integrierten Versorgung schließt die Krankenkasse Verträge mit einzelnen Ärzten ab, die über eine erforderliche Zusatz-Qualifikation für Homöopathie verfügen. Nach Angaben des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen haben rund 100 der insgesamt 163 Kassen entsprechende Kontrakte für ihre Versicherten abgeschlossen.

In der Vergangenheit hatten sich insbesondere die Grünen für eine Aufwertung der Homöopathie starkgemacht. “Tatsache ist, dass eine Nachfrage besteht, weil die Menschen Heilungserfolge sehen„, sagte ihre Gesundheitsfachfrau Biggi Bender unserer Zeitung. Daher solle die Therapievielfalt erhalten bleiben. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast verwies darauf, dass die Kosten für Homöopathie gemessen an den Aufwendungen für die Schulmedizin gering sind. Tatsächlich decken die Kassen in aller Regel nur die ärztlichen Behandlungskosten ab, denn seit 2004 müssen die Versicherten rezeptfreie Medikamente aus eigener Tasche bezahlen. Und darunter fallen auch die allermeisten Naturheilmittel. Nur für Kinder bis zwölf Jahre übernimmt die Kasse auch die Arzneikosten.

Nach Angaben des Magazins “Der Spiegel„ betrug der Umsatz mit homöopathischen Mitteln im Jahr 2005 in Deutschland knapp 268 Millionen Euro. Zum Vergleich: 2005 gaben die gesetzlichen Kassen insgesamt 23,4 Milliarden Euro für Medikamente aus.

Vom Gesundheitsexperten der CDU, Jens Spahn, wurde Lauterbachs Forderung unterstützt. Wenn die SPD es wolle, könne die Kostenübernahme durch die Kassen “sofort„ gestrichen werden, sagte Spahn. Das FDP-geführte Bundesgesundheitsministerium teilte mit, dass man die Wahltarife für Homöopathie einer Prüfung unterziehen wolle. Ausgang offen.