ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 07:04 Uhr

Kommentar
Hat Putin schon den Kontakt zur Realität verloren?

Klaus-Helge Donath
Klaus-Helge Donath FOTO: Redaktion / LR
Moskau. Am Donnerstag tritt Russland Präsident Wladimir Putin vor die Weltpresse. Was ist zu erwarten? Unser Korrespondent Klaus-Helge Donath gibt eine Einschätzung: Von Klaus-Helge Donath

„Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“, rühmte die DDR nach dem 2. Weltkrieg die Überlegenheit der Befreier aus Moskau. Kremlchef Putin konte sich diese Siegesgewissheit bewahren. Wo der russische Präsident auftaucht, bewegt auch er sich in der Siegerspur.

So auch diese Woche beim kurzen Stop-Over in Syrien: Präsident Putin erklärte den Krieg für beendet und kündigte den Rückzug russischer Truppen an. Konkreter wurde der Kremlchef nicht. Auch sonst fragte niemand, wie sich diese Ankündigung von jenen im März 2016 und Januar 2017 unterscheidet?

Wladimir Putins strategischer Vorteil ist: Nur selten muss er zuhause Fragen aufrichtig beantworten. Nach Syrien besuchte der 65-jährige Wahlkämpfer am Montag Kairo und schaute auch beim Türken Recep Erdogan vorbei. Die Nord-Südflanke im Nahen Osten steht, war die Botschaft. Als Sieger, Friedensarchitekt und geopolitische Ordnungskraft kehrte er am späten Abend nach Moskau zurück. Chapeau!

Auch der nächste Tag war anstrengend und nicht weniger richtungweisend. Kurzum: ein Sieg des Nachgebens und der Menschlichkeit. Denn der Kreml möchte die Existenzen russischer Sportler nicht gefährden. Selbst sollten diese vorher noch bereit gewesen sein, kollektiv für Russlands Ehre auf eine Teilnahme der Winterspiele zu verzichten. Putin sprach sich gegen einen Boykott aus und signalisierte der Welt: Wir zumindest sind bereit, die Hand zur Versöhnung auszustrecken.

Ursache und Wirkung werden gezielt verwechselt.

Der Staat als Dopingmixer ging unter und ist fast kein Thema mehr.

Russland bleibt sich treu. Mit Veränderungen ist nicht zu rechnen. Und doch macht sich im Umfeld des Kremls Unruhe breit. Klar ist, Putin wird gewählt. Daran ist nichts zu rütteln.

Die Absicht indes, aus der Wahl ein Plebiszit über den Kremlchef zu machen, wurde aufgegeben. Nicht nur, weil es tatsächlich Gegner gibt. Viele Wähler halten es wegen des absehbaren Resultats nicht für nötig, zur Urne zu gehen.

Die Wahlbeteiligung droht geringer als erwartet auszufallen. Mit Kaffee, Kuchen und Kaviar sollen Bürger wie einst in der Sowjetunion gelockt werden. Kein Systemwechsel steht an, und doch reagiert die politische Klasse im Vorfeld der alternativlosen Wahl nervös. Denkt sie schon an die Zeit nach dem Urnengang, die Zeit nach der Ära Putin, spätestens ab 2024? Verfügt sie über Informationen zum potentiellen Protestpotential? Immerhin müssen die Bürger im Schnitt 15 Prozent finanzielle Einbußen aus der letzten Amtszeit Putins verkraften.

Putin macht den Eindruck, als wäre er nicht mehr so recht bei der Sache. Er schien nicht zu bemerken, dass der offizielle Wahlkampfauftakt letzte Woche vor Industriearbeitern wie ein retrograder Akt wirkte. Der Kremlchef wendete sich an Pensionäre in seinem Alter. Die Digitalisierung verschwand hinter einer vermeintlich neuen Industriepolitik.

Langweilt sich Putin, hat er womöglich den Überblick verloren? Vielleicht sogar den Kontakt zur Realität eingebüßt wie Dutzende Vorgänger in der russischen Geschichte? In der letzten Zeit häufen sich die Eindrücke, als wolle er sich von einigen Dingen nicht mehr stören lassen.

Es hat etwas Verstörendes. Der Blick auf den Pantokrator, dem alle noch huldigen. Dessen Verhalten vielen instinktiv jedoch nicht mehr angemessen erscheint. Es aber niemand auszusprechen wagt.