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Haarsträubende Haltung

Frank Herrmann
Frank Herrmann FOTO: Frank Herrmann
Die Machtdemonstration des rechten Randes, die die beschauliche Universitätsstadt Charlottesville ins Chaos stürzte und schließlich mit dem Terrorangriff eines jungen Fanatikers endete, hat rein gar nichts zu tun mit der Geschichtsdebatte über Bürgerkriegsdenkmäler des Südens. Es ist Unsinn, wenn Donald Trump behauptet, manche Leute seien allein wegen des Gedenkens an ihre Altvorderen nach Charlottesville gekommen. Frank Herrmann

Wer tatsächlich dort war, weiß die Fakten sehr genau von Trumpschen Märchen zu unterscheiden. Zum Schutz der Rechtsradikalen ist, um nur ein Beispiel zu nennen, eine Miliz mit Sturmgewehren aufmarschiert. Eine gezielte Provokation, was sonst? Ein Fackelzug, am Vorabend der schließlich abgebrochenen Kundgebung, ließ an das Deutschland der 1930er-Jahre denken.

Ja, auch linke Demonstranten haben zu Knüppeln, Zaunlatten und Pfefferspray gegriffen. Zweifellos ist das ein Problem, zumal Aktivisten, die sich solcher Mittel bedienen, offensichtlich vergessen, wie die Bürgerrechtsbewegung mit strikt gewaltlosem Widerstand ans Ziel kam. Aber die Nazis mit ihren linken Gegnern auf eine moralische Stufe zu stellen, wie Trump es tut, das ist haarsträubend.

Wieso bringt es der amerikanische Präsident nicht fertig, klar auf Distanz zum rechten Sumpf zu gehen? Am Montag hat er es ausnahmsweise getan, auf Anraten weitsichtigerer Berater, die ihn massiv zu staatsmännischen Worten drängten. Tags darauf war er wieder der alte Trump, der Demagoge, der nichts dabei findet, mit ultrarechten Gedanken zu flirten. "Make America Great Again": In den Ohren Richard Spencers, des Neonazis an der Spitze der Alt-Right-Bewegung, klingt seine Wahlkampfparole, als ginge es darum, das alte, das weiße Amerika wieder groß zu machen. Trump hat dem nie widersprochen.

Er hat rassistische Ressentiments geschürt, als er ohne jegliche Faktengrundlage anzweifelte, dass Barack Obama auf amerikanischem Boden geboren wurde. Als er die Frage stellte, ob der erste schwarze Präsident der US-Geschichte überhaupt das Recht habe, im Oval Office zu sitzen. Mit Steve Bannon machte er einen Rechtspopulisten zu seinem Chefstrategen, der das Online-Portal Breitbart News, das er bis 2016 verantwortete, ungeniert als Plattform der Alt-Right bezeichnete.

Mit latent fremdenfeindlicher Polemik bewegte sich der Kandidat Trump nicht selten im gedanklichen Korridor von Richard Spencer, der Anführer der Alt-Right-Bewegung. Den Präsidenten Trump stört es nicht, dass die zerfaserte Rechte durch seinen Wahlsieg Aufwind spürt. Ein Problem scheint er darin noch immer nicht erkennen zu können.

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