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Kommentar zu Pflegebedürftigen und Sozialamt
Gleich doppelt bedürftig

Stefan Vetter
Stefan Vetter FOTO: k r o h n f o t o . d e
Rund 2,9 Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig. Gut jeder Sechste von ihnen muss deshalb zum Sozialamt gehen. Diese Pflegebedürftigen sind also gewissermaßen gleich doppelt bedürftig. Die amtliche Statistik der Misere reicht allerdings nur bis zum vergangenen Jahr. Und es ist nicht so, dass sich seitdem nichts im Pflegebereich getan hätte. Die aktuelle Reform, bei der die früheren drei Pflegestufen durch fünf Pflegegrade ersetzt wurden, ist zum Teil mit deutlichen Leistungsverbesserungen verbunden. Trotzdem wäre es blauäugig, davon auszugehen, dass sich in Zukunft deshalb auch die Zahl der Sozialhilfeempfänger automatisch reduziert. Von Stefan Vetter

Im Extremfall kann sogar das Gegenteil eintreten. Denn durch die neuen Bestimmungen ist auch der Kreis der Anspruchsberechtigten deutlich gestiegen. Menschen mit leichteren körperlichen Einschränkungen zum Beispiel galten vordem nicht als pflegebedürftig. Jetzt aber schon. Um Bedürftigen den Gang zum Sozialamt zu ersparen, müssten die Pflegesätze durchweg erhöht werden. Damit stellt sich allerdings die Systemfrage. Gegenwärtig ist die Pflegeversicherung nur eine Art Teilkasko. Eine Vollversicherung würde erheblich mehr Geld kosten als heute. Nötig ist eine breite gesellschaftliche Debatte, was dem Land die Würde von Pflegebedürftigen wert ist oder besser, wert sein muss.