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| 19:29 Uhr

Jemen
Jemens Schicksalstage in Stockholm

Martin Gehlen
Martin Gehlen FOTO: MOZ
Fast vier Jahre lang tobt der Krieg im Jemen, bis vor Kurzem vergessen von der gesamten Welt. Seit der saudische Königshof jedoch Anfang Oktober den Journalisten Jamal Khashoggi direkt vor türkischen Überwachungskameras und Abhörmikrofonen von einem Killerkommando bestialisch erwürgen ließ, rückt auch das „größte humanitäre Desaster der Gegenwart“, wie es die Vereinten Nationen nennen, stärker in den internationalen Fokus.

Zum ersten Mal rührten sich die Vereinigten Staaten als größter Waffenlieferant Riyadhs und forderten ein Ende des Blutvergießens. Gleichzeitig brachte die weltweite Empörung über den Khashoggi-Mord neue Bewegung in die Diplomatie, so dass es UN-Jemenvermittler Martin Griffiths diese Woche gelang, die verfeindeten Lager in Schweden unter einem Dach zu versammeln. Kleine symbolische Gesten gingen voraus, Verletzte wurden ausgeflogen, mit dem Austausch von Gefangenen begonnen. Doch wie es um den echten Friedenswillen bestellt ist, da sind erhebliche Zweifel angebracht.

Denn auf beiden Seiten dominieren starke Kräfte, die kein Ende des Krieges wollen und denen das Schicksal der geschundenen Bevölkerung völlig egal ist. Zu Beginn hatte Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman den Jemenfeldzug noch hochstilisiert zum Paradefall arabischer Entschlossenheit gegen den ewigen Störenfried Iran. Doch selbst bei Scharmützeln entlang der Grenze wurden seine hochgerüsteten Truppen mit den von Teheran unterstützten Barfußkriegern nicht fertig. Die Vereinigten Arabischen Emirate wiederum, der engste Alliierte Riyadhs, gehen längst eigene Wege. Das Ziel, die Huthis zu entthronen und Präsident Hadi zurück an die Macht zu bomben, hat Abu Dhabi aufgegeben. Stattdessen setzt das agile „Sparta am Golf“ auf einen eigenständigen Südjemen, den es künftig als Vasallenstaat dirigieren kann. Ähnliches Machtkalkül treibt auch die Huthis. Sie denken nicht daran, ihre seit vier Jahren befestigte Bastion Sanaa im Nordjemen zu räumen und sich wieder in ihre karge Gebirgsregion zurückzuziehen.

Leidtragende dieses militärischen und politischen Patts aber sind die 28 Millionen Jemeniten. Drei Viertel leben im absoluten Elend. 62 000 wurden durch Bomben, Minen und Granaten verletzt oder getötet. Ihre stolze Nation liegt in Trümmern, zerfallen zu einem Flickenteppich verfeindeter Territorien. Der angerichtete Schaden ist irreparabel, selbst wenn alle Seiten zu substanziellen Konzessionen bereit wären.

Doch danach sieht es nicht aus. Die Vereinigten Arabischen Emirate pochen auf ihre Südjemen-Pläne, in die sie bereits Milliarden investiert haben. Für Saudi-Arabien wäre ein Kriegsende mit jubelnden Huthis in Sanaa eine nicht zu verwindende Schmach. Daran wird auch der jüngste Beschluss des Pentagon nicht rütteln, die Luftbetankung saudischer Kampfjets über dem Jemen zu beenden. Einzig ein US-Boykott für Ersatzteile und Wartung, der innerhalb von Monaten die saudische und emiratische Kriegsmaschine lahmlegt, könnte den nötigen Druck für einen raschen Waffenstillstand erzeugen – ein Vorgehen, das die USA jedoch niemals in Betracht ziehen würden. Martin Griffiths bleibt daher nur die Wahl, auf einzelne Schritte zu setzen: ein Ende der saudischen Luftangriffe gegen ein Ende der Huthi-Raketen auf Saudi-Arabien. Und Garantien beider Seiten für den lebenswichtigen Hafen Hodeida.