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| 17:30 Uhr

Kommentar
Erste politische Schritte für die Zuckerreduktion

Hajo Zenker
Hajo Zenker FOTO: MOZ
Zucker ist zu billig. Er findet sich so in viel zu vielen Produkten, wo er gar nicht hingehört. In Ketchup oder im Fruchtjoghurt. Vor allem aber steckt der Zucker in Fertigprodukten. Diese versprechen zwar Bequemlichkeit, treiben uns aber in Übergewicht und Diabetes, womit sie gesundheitliche Qualen bescheren und die Gesellschaft viel kosten.

Dass sich daran endlich etwas ändern muss, fordern Mediziner, Krankenkassen, Verbraucherschützer seit Jahren. Eine Zuckersteuer und Werbeverbote für süße Kinder-Produkte sollen das süße Gift zurückdrängen. Auch eine verständliche, eindeutige Kennzeichnung von Produkten soll helfen, schließlich gibt es mehr als 70 verschiedene Namen, hinter denen sich in der Zutatenliste Zucker versteckt. Doch das geht der Politik bisher zu weit.

Natürlich hat Ernährungsministerin Julia Klöckner recht, wenn sie betont, dass Zucker allein nicht an ungesunder Ernährung schuld ist. Und mit ihrer gerade geschlossenen Vereinbarung mit der Industrie bewegt sich immerhin überhaupt erstmals im hiesigen Regierungshandeln etwas beim Thema Zuckerreduktion. Bisher hatte die deutsche Politik gekniffen, weil sie sich nicht mit Lebensmittelriesen und Lebensmittelhandwerk anlegen wollte.

Anders etwa als in Großbritannien. Wo es mittlerweile eine Zuckersteuer gibt. Sie hat bei Cola & Co zu einem deutlich gesunkenen Zuckergehalt geführt. Denn es macht Sinn, wie bei Tabak und Alkohol, als Staat Grenzen zu setzen. Zucker ist ein teuflisches Suchtmittel, das uns nicht nur den Geschmack verdirbt, weil man nach entsprechendem Konsum die natürliche Süße von Früchten unbefriedigend findet, sondern bei immer mehr Kindern auch zur Fettleber führt, die man früher nur bei Erwachsenen mit hohem Alkoholkonsum kannte.

Zur Wahrheit gehört auch: Der gern beschworene mündige Bürger ist häufig an das Bildungsniveau gekoppelt. In sozial schwachen Schichten ist fehlende Gesundheitskompetenz doppelt so stark vertreten wie bei Menschen mit hohem sozialen Status. Jedes vierte Mädchen aus sozial schwachen Familien ist übergewichtig, wo das Einkommen hoch ist, nur jedes fünfzehnte. Und das hat direkte Auswirkungen auf die Lebenserwartung. Druck lässt Unternehmen bekanntlich kreativ werden. Das kann Druck der öffentlichen Meinung oder Druck des Staates sein. Oder beides. Damit sollte es endlich so richtig losgehen. ⇥politik@lr-online.de