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| 01:27 Uhr

Eine Ukrainerin schreibt Geschichte

Porträt. Alina Treiger schreibt am 4. November ein Stück Geschichte: Die 31-Jährige aus der Ukraine ist die erste Frau seit dem Holocaust, die in Deutschland als Rabbinerin ordiniert wird.

“Ich wünsche mir, dass die jüdischen Gemeinden sich nicht nur über die schrecklichen historischen Erfahrungen definieren, über Shoa, Verfolgung und Pogrome„, sagt. “Das Judentum lebt weiter. Und wir sollten mit dem Reichtum unseres Wissens, unserer Kultur und unserer Musik lebendige Ansprechpartner sein.„

Alina entspricht nicht gerade dem Klischee von einem chassidischen Geistlichen. Klein und zierlich, mit langen Haaren, schickem Kostüm und strahlendem Lächeln geht sie ihre Aufgabe mit großer Selbstverständlichkeit an. “Anfangs hat es schon Vorurteile gegeben„, erzählt sie. “Da hat auch mal jemand gesagt: ,Nur ein Mann kann ein guter Rabbiner sein' oder ,Die ist bestimmt lesbisch'.„ In vielen Gemeinden sei sie aber auch sehr herzlich aufgenommen worden. “Für mich ist es ganz normal, Rabbinerin werden zu wollen.„

Möglich ist das, weil Alina Treiger am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam studiert hat - neben der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg das einzige wissenschaftliche Ausbildungsinstitut für Rabbiner in Mitteleuropa. Dort wird das reformorientierte Judentum vertreten, und anders als bei den orthodoxen Juden dürfen hier auch Frauen Ämter übernehmen. “Ich habe mir den Beruf nicht gesucht, der Beruf hat mich gefunden„, erzählt Treiger.

1979 in der ukrainischen Kleinstadt Poltawa geboren, wollte sie eigentlich Musikerin werden. “Meine Familie hatte wenig mit Religion zu tun. Ich kannte nur einige jüdische Gerichte wie ,gefilten Fisch'oder ,Plow'. Aber ich wusste immer, dass ich Jüdin bin.„

Neben den Studien hatte die inzwischen mit einem Kommilitonen verheiratete Alina auch Religionswissenschaften und Psychologie studiert und spricht fünf Sprachen: Ukrainisch, Russisch, Hebräisch, Englisch und Deutsch - letzteres fast perfekt. “Ich hoffe, dass ich mit der Sprache auch Brücken bauen kann„, sagt sie. Denn die Gemeinden Oldenburg und Delmenhorst, die die Rabbinerin in spe betreuen wird, stehen durch den Zuzug von Migranten aus Osteuropa vor enormen Herausforderungen. dpa/roe