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| 02:46 Uhr

Ein sensibles Feld

Stefan Vetter
Stefan Vetter FOTO: LR
Kommentar. Es ist ein politisch vermintes Gelände, auf das sich Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr da begeben hat. Den gewiss berechtigten Spardruck im Gesundheitswesen mit Zweifeln an der Notwendigkeit von Hüft- und Knieoperationen zu verknüpfen, diese anscheinend unbekümmerte Bemerkung des FDP-Ressortchefs musste zwangsläufig nach hinten losgehen. Stefan Vetter

Eine so holzschnittartige Betrachtung kann bei alten Menschen jedenfalls nur Ängste auslösen. Und das kurz vor den zwei wichtigen Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Bahr selbst stammt aus dem bevölkerungsreichsten Land der Republik, in dem seine Partei gerade ums Überleben kämpft. Schöner hätte die Steilvorlage für SPD und Grüne also kaum sein können. Kein Wunder, dass die Koalition inklusive Bahr gestern fieberhaft bemüht war, den politischen Schaden in Grenzen zu halten. Dabei musste der Gesundheitsminister doch eigentlich gewarnt sein. Schon vor zehn Jahren hatte ein CDU-Politiker die halbe Nation gegen sich aufgebracht, als er Senioren im hohen Alter das Recht auf ein künstliches Gelenk zulasten der beitragszahlenden Allgemeinheit absprach.

Um es klar zu sagen: Die Zahl der operativen Eingriffe bei betagten Menschen wird weiter steigen. Das ergibt sich schon aus der demografischen Entwicklung, aber auch aus dem medizinisch-technischen Fortschritt. Vor nicht all zu langer Zeit war ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk noch etwas Besonderes. Und nicht wenige Rentnerinnen und Rentner könnten wohl auch heute "ohne" auskommen, aber es wäre eine starke Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität. Die Frage, ob eine Leistung medizinisch notwendig ist oder vermeintlich "überflüssig", wird daher wohl kaum immer eindeutig zu beantworten sein. Und auch die Kostendiskussion ist ein sensibles Feld. Problematisch wird es zum Beispiel dann, wenn gesundheitliche Defizite ins Spiel kommen, die vermeidbar wären. Übergewichtigen zum Beispiel, denen die Gelenke wegen ihrer angefutterten Pfunde zu schaffen machen, werden künstliche Nachbesserungen allein jedenfalls nicht helfen. Zu fragen bleibt auch, warum viele Eingriffe oft schon nach kurzer Zeit wiederholt werden. Laut Statistik gehen sechs von 100 Operationen mit einem künstlichen Kniegelenk schief. Auch müssen drei von 100 Hüften bereits nach zwei Jahren erneuert werden. Hier treibt offenbar ein schlechtes Qualitätsmanagement die Kosten. Das neue Konzept der Koalition zur Krankenhausfinanzierung bleibt schlüssige Antworten auf solche Fragen schuldig. Sie wären aber notwendig - und allemal besser als unbedachte Äußerungen eines Bundesgesundheitsministers.

politik@lr-online.de