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Ein Déjà-vu ist möglich

Martin Schulz betreibt eine notwendige Nabelschau. Allerdings könnte er alsbald ein Déjà-vu erleben: Sollte in zwei Wochen die Niedersachsen-Wahl für die SPD verloren gehen und mit Stephan Weil ein weiterer sozialdemokratischer Ministerpräsident sein Amt verlieren, dann der Dritte in diesem Jahr, wird Schulz sich vermutlich dieselbe Frage stellen müssen wie am Abend der Bundestagswahl: Trete ich als Parteivorsitzender zurück? Gegebenenfalls wird er sie dann aber gar nicht mehr beantworten müssen, weil das andere für ihn übernehmen. Hagen Strauß

So ist Politik. Läuft es gut, hat man viele Freunde, dann bekommt man 100 Prozent. Läuft es schlecht, hat man umso mehr Feinde. Und die schubsen einen dann gnadenlos vom Thron. Aber das weiß auch Schulz.

Selbst ein Sieg in Niedersachsen bedeutet nicht zwangsläufig die Rettung für ihn. Der katastrophale Ausgang der Bundestagswahl steckt den Genossen in den Knochen. Er hat mächtig am Selbstverständnis und Selbstvertrauen der altehrwürdigen SPD gekratzt. Deswegen muss Schulz nun eine überzeugende Idee davon vermitteln, wie ausgerechnet er die Partei zurückführen will zu alter Stärke - oder zumindest zu einem Teil davon. Und warum genau er dafür noch der Richtige ist.

Der Mann aus Würselen muss die schwierige Frage beantworten, weshalb die SPD überhaupt noch gebraucht wird. Auch wenn Helmut Schmidt einmal gesagt hat: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen." Doch das ist beileibe nicht zu viel verlangt. Ob Schulz das gelingen wird? In seinem Brief an die Mitglieder signalisiert er zumindest, dass er die Fehler des Wahlkampfes erkannt hat. Es gab in der Tat viele. Und nun will er einen breit angelegten Prozess der Erneuerung anstoßen. Viel Zeit bleibt ihm dafür aber nicht, spätestens im Dezember auf dem Parteitag muss er Konkretes liefern - falls er dann überhaupt noch SPD-Vorsitzender ist.

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