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| 01:37 Uhr

Ein Bittgang

Die Tyrannendynastie der Kims, die Nordkorea seit Jahrzehnten beherrscht, hat reichlich Erfahrung im Umgang mit der Supermacht USA. Ein Dutzend Präsidenten haben einst der Vater und jetzt der Sohn schon einem Stresstest unterzogen. Von Johann Legner

In Pjöngjang weiß man auch nur zu gut, wie in Washington auf Geiselnahmen reagiert wird. Die eigenen US-Bürger zu schützen hat dann stets oberste Priorität. Deswegen war auch seit Wochen darüber spekuliert worden, mit welcher Geste die Obama-Regierung auf das Schicksal der zwei Journalistinnen, die im Grenzgebiet aufgegriffen und zu zwölf Jahren Arbeitslager verurteilt wurden, reagieren würde.Der Besuch von Bill Clinton, offiziell eine Privatreise, ist ein sehr geschickter Versuch, die Gespräche um die Freilassung der beiden jungen Frauen zu trennen von den schwierigen und stagnierenden Verhandlungen über die nukleare Aufrüstung des Regimes. Ein prominenterer Amerikaner konnte auf solch einen Trip nicht geschickt werden, und dies wird den Machthabern in Pjöngjang überaus schmeicheln. Denn deren Schwäche ist wiederum das stetige, absurde Bemühen um internationalen Respekt. Und so wird Clintons Stippvisite heute wahrscheinlich wirklich mit der erhofften Freilassung der beiden Reporterinnen enden. Aber dass es zu einem echten Durchbruch in den Beziehungen beider Länder kommen könnte, darf ausgeschlossen werden. Für eine wie auch immer geartete Form der Kooperation taugt die Diktatur in Nordkorea derzeit nicht. Jeder Versuch einer diplomatischen Öffnung stößt sehr schnell auf enge Grenzen, wenn wieder einmal deutlich wird, dass auf der anderen Seite Verhandlungspartner stehen, die ihr eigenes Volk ohne jede Rücksicht auf die Weltöffentlichkeit knechten. Bei Nordkorea gewinnt - wie beim Iran im Übrigen ebenfalls - Barack Obama nur dann neue Spielräume, wenn andere Großmächte, insbesondere China und Russland mitziehen. Beide Länder sind ja auch wesentlich betroffen von der Entwicklung - im Falle Nordkoreas sind sie direkte Nachbarstaaten. Peking und Moskau haben allerdings auch aus innenpolitischen Gründen kein Interesse an Veränderungen. Eine Demokratisierung Nordkoreas würde natürlich Auswirkungen auf die labilen Verhältnisse in beiden Ländern haben. Und mit dem Sturz des Regimes in Pjöngjang wäre ja auch zwangsläufig die Frage der Wiedervereinigung Koreas auf der Tagesordnung und damit die Machtbalance in diesem Teil Asiens in Gefahr. Ein wirksames Mittel, dieser mörderischen Strategie des Vertrauens auf berechenbare Verhältnisse entgegenzuwirken, fehlt den USA auf absehbare Zeit. Deswegen auch ist die Reise des ehemaligen US-Präsidenten in erster Linie als humanitärer Bittgang zu verstehen. Er selbst, seine als Außenministerin agierende Frau, wie auch Barack Obama aber brauchen sich dafür nicht zu schämen. Es geht um zwei Menschenleben. Und dass die in einer freien Gesellschaft hohe Anstrengungen wert sind, ist ebenfalls eine klare, unmissverständliche Botschaft. Sie wird auf Dauer ihre ganz eigene und durchaus mächtige Wirkung entfalten.