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| 17:50 Uhr

Leitartikel Zum Doppelpass
Kein Grund zur Sorge

Stefan Vetter
Stefan Vetter FOTO: LR / Redaktion
Der Doppelpass war in Deutschland immer schon ein Reizthema. Man erinnere sich nur an die Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft vor nunmehr fast zwei Jahrzehnten in Hessen. Ihrem Initiator und damaligen CDU-Spitzenkandidaten Roland Koch bescherte sie seinerzeit einen unverhofften Sieg bei der dortigen Landtagswahl. Von Stefan Vetter

Zuletzt flammte die Debatte  öfter im Zusammenhang mit den Sympathiebekundungen vieler hier lebender Türken für Recep Tayyip Erdogan, den Autokraten vom Bosporus, auf. Und nun tut die Statistik das Ihrige dazu: Nach den aktuellen Zahlen behalten mittlerweile sechs von zehn in Deutschland eingebürgerten Menschen den Pass aus ihrem Herkunftsland. Aber muss man sich darüber wirklich Sorgen machen? Nein, das muss man nicht. Zumal es für das am meisten strapazierte Gegenargument, damit werde die Integration erschwert oder gar unmöglich gemacht, keine praktischen Belege gibt.

Lange Zeit basierte die deutsche Staatsangehörigkeit  auf dem Abstammungsprinzip. Demnach war nur Deutscher, wer deutsche Eltern hatte. Das änderte sich durchschlagend erst vor vier Jahren. Damals wurde der Zwang aufgehoben, dass sich in Deutschland aufgewachsene Kinder von ausländischen Eltern als junge Erwachsene für eine Staatsbürgerschaft entscheiden müssen. Es war eine späte politische Anerkennung der schlichten Tatsache,  dass Deutschland längst zum  Einwanderungsland  geworden war, in dem man eine gesellschaftliche Vielfalt lebt. Genauso wie übrigens in einer Vielzahl anderer Staaten. Mittlerweile wird der Doppelpass in fast jedem zweiten Land der Erde toleriert.

Die spürbar steigende Zahl der Menschen mit zwei Pässen in Deutschland hat darüber hinaus mit Sonderregelungen für EU-Bürger zu tun und natürlich auch mit den Flüchtlingen. Wenn im vergangenen Jahr beispielweise kein einziger eingebürgerter Afghane oder Syrer auf seinen ursprünglichen Pass verzichtete, dann auch deshalb, weil das nach den Gesetzen ihrer Herkunftsländer schwerlich oder gar nicht möglich ist.

Nun hat es nicht an Versuchen gemangelt, das Rad der Geschichte wieder  zurückzudrehen. Für eine Abkehr von den Regeln der doppelten Staatsbürgerschaft hatte sich die CDU vor zwei Jahren sogar per  Parteitagsbeschluss ausgesprochen. Doch was wäre damit eigentlich gewonnen? Untersuchungen zeigen, dass sich Migranten in Staaten, in denen der Doppelpass erlaubt ist, häufiger einbürgern lassen als in Staaten, die sich dagegen sperren. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass der Doppelpass die Integration sogar eher begünstigt als sie zu verhindern. Seine Abschaffung hätte dagegen ein großes Verhetzungspotenzial. Wer das nicht wahrhaben will, der sollte sich noch einmal die  Kampagne in Hessen aus dem Jahr 1999 ins Gedächtnis rufen. „Wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben?“, lautete seinerzeit eine oft zitierte Frage. Und an die AfD war damals noch gar nicht zu denken…

politik@lr-online.de