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Die Zukunft liegt woanders

Leitartikel. Der erste Reflex ist: Typisch Grüne, wollen mal wieder was verbieten oder fürs Glücklichsein vorschreiben. Fünf Mark für den Liter Benzin und der Veggie-Day lassen grüßen. Hagen Strauß

Doch die Partei hat diesmal in ihrer Grundbotschaft recht.

Die Zukunft der Automobilindustrie liegt schon lange nicht mehr beim Diesel oder Benziner, wenn sie auf den Märkten der Welt erfolgreich bleiben will. Der Klimaschutz, die Endlichkeit der fossilen Brennstoffe zwingen zum Umdenken. Das gilt für Wirtschaft und Verbraucher. In anderen Parteien wird das genauso gesehen, nur aus Angst vor dem mobilen Wähler gerne nicht erwähnt. Selbst die G7, also auch Angela Merkel, will mittelfristig eine kohlenstofffreie Wirtschaft. Also auch ohne Diesel und Benzin.

Die Frage ist halt nur, ob sich der Sinneswandel staatlich verordnen lässt, wie die Grünen es planen. Und zwar schon ab 2030. Das sind nur noch 14 Jahre. So schnell wird das E-Auto, das die Verbrennungsmotoren ablösen soll, freilich nicht zum Verkaufsschlager. Die deutsche Industrie hat trotz jahrelanger politischer Mahnungen die Entwicklung der Elektromobilität sträflich vernachlässigt. Darin liegt der Hauptgrund, warum die E-Mobilität so unattraktiv für viele Menschen ist - die Reichweiten der Autos sind zu gering, die Modellauswahl ist immer noch blamabel, und die Zahl an Ladestationen lässt zu wünschen übrig. Und der satte Zuschuss, den die Bundesregierung inzwischen beim Kauf eines Elektroautos gewährt, ist bislang ein Flop. Die Bürger lassen sich eben nicht so einfach mit Geld ködern, wenn sie der Technik nicht trauen.

Das alles, wie die Grünen vorschlagen, in ein paar Jahren ändern zu wollen, wäre ein kaum zu schaffender Kraftakt. So müssten unter anderem die Kapazitäten der Batterien erheblich ausgebaut werden. Gleiches gilt für die Produktion. Außerdem müsste die Zahl der Ladepunkte erheblich ansteigen, und die Stromversorger müssten in der Lage sein, massenhaft Tankvorgänge zu ermöglichen - und vor allem zu beschleunigen. Die Verbotsdrohung der Grünen ab 2030, die sich übrigens auch mit dem Klimaschutzplan von Umweltministerin Barbara Hendricks und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, beide SPD, deckt, kann daher nur als Aufforderung an die Hersteller verstanden werden, bei der Weiterentwicklung der E-Mobilität endlich mehr Gas zu geben. Denn der Schlüssel für den Durchbruch der E-Mobilität liegt vor allem bei der Industrie, nicht bei der Politik.

Dass viel mehr geht, zeigt ein Beispiel. Elektro-Räder sind in Deutschland massiv auf dem Vormarsch. Sie sind trendy, werden immer beliebter, und zwar nicht nur bei Senioren. Das alles ohne staatliche Subventionen, sondern allein durch einen erheblichen Qualitätssprung bei Antrieb, Akku und Design. Das müsste doch endlich auch beim Auto möglich sein. politik@lr-online.de