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| 16:35 Uhr

Leitartikel Mauer
Ein deutsches Lehrstück

FOTO: Redaktion / LR
Der Mensch gewöhnt sich an alles. Wirklich? Ich fuhr oft mit dem Fahrrad an der Berliner Mauer entlang, von Westen. Es war mein Arbeitsweg, schön ruhig. Man sah sie praktisch nicht, sie gehörte dazu. Wir dachten nicht an die Menschen hinter der Mauer. Jedenfalls nicht oft. Wir wohnten in Kreuzberg, wo die Mieten wegen der Grenzlage so billig waren. Werner Kolhoff

Am 9. November 1989, als sich die Mauer plötzlich öffnete, strömten die bisher Eingesperrten überglücklich auf uns zu. Abertausende. Sie riefen „Wahnsinn“, das Wort der Nacht. Viele weinten. Ich dachte: Wir haben da wohl etwas übersehen.

Am heutigen Montag ist die Mauer genauso lange weg, wie sie gestanden hat. 28 Jahre und knapp drei Monate. Erich Honecker, der letzte Diktator der DDR sagte Anfang 1989: „Die Mauer steht noch 50 und auch noch 100 Jahre“. So kann man sich irren. 

Die Berliner Mauer (und mit ihr auch die innerdeutschen Grenze aus Stacheldraht und Todesstreifen) ist ein epischer deutscher Beitrag für die Moral dieser Welt, diesmal ein tröstender. Deshalb strömen Millionen von Touristen jedes Jahr an die alten Schauplätze. Dieser Beitrag handelt von der Hybris der Herrschenden, die sich und ihre Herrschaft für ewig halten. Wie sich zeigt, ist nichts ewig, und darin liegt eine große Hoffnung. Aktuell für die Menschen in Nordkorea, im Iran, in Russland, in der Türkei, in vielen anderen Ländern. Regime kommen und gehen. Selbst in der einbetoniertesten Diktatur gibt es Veränderung. Manchmal kommt sie von außen, zum Beispiel über das Internet, manchmal von innen. Informationen lassen sich nicht einmauern, die Gedanken sind frei. Und die Zeit ist ein Fluss.

Man muss mit Diktaturen zurechtkommen. Innen wie außen. Aber man darf  Repression und  Fremdbestimmung nie anerkennen. Der Versuch war richtig, die Mauer durch Verhandlungen durchlässiger zu machen. Aber manche sind in der alten Bundesrepublik damals auch zu weit gegangen. Sie haben Verträge geschlossen und den Gedanken „Die Mauer muss weg“ verdrängt. Es waren durchaus ehrbare Motive, und dennoch waren sie falsch. Jedenfalls hat die  Geschichte diesem Ansatz Unrecht gegeben, da gibt es nichts zu deuteln.

Vor allem aber ist die Mauer  ein Lehrstück über den Freiheitsdrang, der nie wirklich ganz erstirbt. Es gibt eben menschliche Urbedürfnisse, die sich nicht ersticken lassen. Man nennt es auch Menschenrechte. Freiheit ist der Kern, in allen ihren Facetten. Freies Reisen. Freie Meinungsäußerung. Freie  Religionsausübung. Freie Sexualität.  Man kann das alles unterdrücken, bis fast auf Null. Es bricht sich dennoch irgendwann wieder Bahn. Der Mensch gewöhnt sich eben doch nicht an alles. Er beseitigt das Unerträgliche, sobald er die Chance dazu hat. Das jedenfalls ist die große Hoffnung der Welt seit dem Fall der Mauer vor 28 Jahren, zwei Monaten und 26 Tagen.