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Die Krise als Chance

Leitartikel. Unversehens redet die Kanzlerin mit den Kommunen über – man hört richtig – Luftqualität. Unversehens ist der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs ein Top-Thema, ebenso der Radverkehr und die Elektromobilität. Werner Kolhoff

Das alles geschieht nicht aus Gründen der Vernunft. Die ökologische Republik ist nicht über Nacht ausgebrochen, nicht bei Merkel und auch nicht bei den meisten Bürgermeistern. Es geschieht, um des Deutschen liebstes Kind, das Auto, speziell den Diesel, vor drohenden Fahrverboten zu schützen.

Aber sei es drum, die Krise des Diesels kann trotzdem zur Chance für die Städte werden. Denn nun fließt Geld, eine Milliarde Euro. Ein Viertel davon zahlen die Automobilkonzerne. Das ist wenigstens eine kleine Wiedergutmachung für ihren Hochmut. Es liegt an den Kommunen, das Geld jetzt sinnvoll auszugeben. Die Menschen in den Städten werden nicht nur durch die Abgase belästigt, auch der Lärm ist schlimm, dazu die Versiegelung der Landschaft und die Unfallgefahr. Die Städte verlieren durch den Autoverkehr massiv an Lebensqualität, weshalb zum Beispiel mehr grüne Wellen zwar der Luft helfen würden, alle anderen Probleme aber nur verstärken. Autofahrer, die jetzt widersprechen, mögen sich ehrlich fragen, ob sie selbst an der Straße wohnen möchten, durch die sie täglich pendeln.

Ziel muss es sein, den privaten Pkw-Verkehr zu reduzieren, vor allem den der Pendler. Dass so viele den Wagen nutzen, um - meist ganz allein - zur Arbeit oder zum Einkaufen zu fahren, ist ja nicht nur ihrer Bequemlichkeit geschuldet, auch wenn die in vielen Fällen eine Rolle spielt. Sondern genauso auch mangelnden Alternativen. Zu wenig Park-and-Ride-Möglichkeiten, zu schlechte Verbindungen, zu große Takte. Wenn dem in vielen Städten überdimensionierte Straßen gegenüberstehen und Bauvorschriften, die für reichlich Tiefgaragen sorgen, muss man sich über Autoverkehr nicht wundern.

Auch so mancher Bürgermeister trägt daher Mitverantwortung für die jetzt zutage getretenen Probleme. Deshalb klingt es ziemlich hohl, wenn die Städte nur nach mehr Geld rufen. Gefragt ist vielmehr eine intelligentere lokale Verkehrspolitik - Radschnellwege und -leihsysteme, Elektroroller, Carsharing, vor allem mehr öffentliche Verkehrsangebote. Das Zweite ist der Wirtschaftsverkehr, wozu auch der eigene Fuhrpark der Kommunen gehört. Es ist völlig unverständlich, warum nicht wenigstens die Busse schneller auf saubere Antriebe umgestellt werden. Freilich setzt ein Umsteuern beim gewerblichen Verkehr voraus, dass es genug Ladestationen gibt und dass entsprechende Fahrzeuge überhaupt im Angebot sind. Dass die Post ihre Elektro-Sprinter selbst bauen musste, spricht Bände über das, was in Deutschland verkehrspolitisch los war und ist: Ignoranz und Fantasielosigkeit auf vielen Seiten. Das muss sich ändern.

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