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| 19:05 Uhr

Leitartikel zum Brexit
Die harte Trennung

 Günther Marx
Günther Marx FOTO: MOZ
Die Uhr tickt. Und wenn nicht noch etwas ganz Unerwartetes eintritt, dann ist Großbritannien in gut zwei Monaten nicht nur kein EU-Mitglied mehr, sondern hat die Gemeinschaft mit einem harten, das heißt ungeregelten Brexit verlassen. Von Günther Marx

Die Gesamtheit seiner Wirtschafts- und Finanzbeziehungen mit der EU, aber auch jene über die EU regulierten Beziehungen mit dem Rest der Welt, wären dann neu zu verhandeln.

Zu befürchten ist für diesen Fall zunächst einmal ein Chaos. Auf der Insel könnten Lebensmittel und Medikamente knapp werden. An den Grenzen, in den Häfen, auf den Flughäfen – wo bisher alles auf ein möglichst reibungsloses Durchkommen gestellt war, hieße es auf einmal: Stopp! Ein hochentwickelter Wirtschaftsraum, der über Jahrzehnte zusammengewachsen ist, müsste sich entlang einer neu entstehenden Trennlinie neu sortieren. Neben Großbritannien müsste allerdings auch der übrige EU-Raum mit Turbulenzen rechnen.

Der gerade ins Amt gekommene britische Premierminister Boris Johnson und die harten Brexiteers hinter ihm wischen all diese Probleme mit unerschütterlichem Optimismus – oder soll man sagen: Verblendung? Ignoranz? – beiseite. „Wir schaffen das.“ Bei seinem Besuch in Berlin hat Johnson sogar die berühmten Worte von Kanzlerin Angela Merkel aufgenommen. Noch weniger als die Kanzlerin seinerzeit auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise sagt der britische Premier allerdings, wie er das schaffen will. Er will nur raus, unter allen Umständen. Dafür geht er aufs Ganze.

Bislang fabuliert Johnson nur von einer möglichen Lösung. Das aber ist zu wenig, als dass die EU sich darauf einlassen könnte. Ohnehin besteht der Verdacht, dass es Johnson gar nicht auf eine Einigung ankommt, sondern seine Besuche in Berlin und Paris nur darauf abzielen, für das heimische Publikum einen Sündenbock für die kommenden Probleme aufzubauen. Wenn der Ausgang aus der – so empfundenen – europäischen Sklaverei eben nicht in eine goldene Zukunft, sondern in Chaos mündet.

⇥politik@lr-online.de