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Die Gaffer-Gesellschaft

Ungerührt steigen Leute in einer Bankfiliale über einen sterbenden alten Mann. Keiner hilft. Werner Kolhoff

Keine Zeit, keine Lust, Angst. Ungerührt filmen Leute Verunglückte auf den Straßen. Die Opfer sind für sie nur eine Facebook-Trophäe. Ungerührt blockieren Autofahrer Rettungsgassen, um zu glotzen oder nutzen sie gar, um in ihnen schneller vorwärtszukommen.

Ist Deutschland eine kalte Gaffer-Gesellschaft geworden? Zum Teil wohl. Zwar sind wir immer noch das Land mit der verbreitetsten Bereitschaft zum Ehrenamt. Aber immer mehr denken nur an sich. Die Ich-Bezogenheit ist größer geworden, und das hat mit einsamen Computer-Jobs ebenso zu tun, wie mit dem Pendeln, mit dem Arbeitsdruck, mit dem Hetzen. Keine Zeit. Auch die Verrohung hat zugenommen, mit jedem derartigen Video, das man gesehen hat. Der Unfall ist da nur noch eine weitere Sensation.

Es beginnt im Kleinen. Eine Mülltonne ist umgekippt, liegt halb auf der Fahrbahn. Oder ein glattes Papier liegt auf einer Treppe. Es dauert lange, bis sich jemand findet, der eine solche Gefahrenstelle entschärft. Wahrscheinlich bauen sich eher welche auf für "versteckte Kamera". Und es endet im Großen. Der eigene Reflex wird selbst in schlimmsten Notfällen nach dem Motto "Es wird sich schon jemand kümmern" an andere delegiert. Meist an die, die beruflich zuständig sind. Die Urteile im Essener Prozess wegen unterlassener Hilfeleistung waren erfreulich deutlich. Und auch gegen Gaffer wird neuerdings gesetzlich schärfer vorgegangen. Man darf sich aber keiner Illusion hingeben: Diesem sich ausbreitenden Mangel an Empathie wird mit den Mitteln des Strafgesetzbuches allein nicht beizukommen sein. Das Problem liegt in den Köpfen. Die Lösung auch.

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