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Post aus Dresden
Heimat aus Styropor

Christine Keilholz
Christine Keilholz FOTO: Sebastian Schubert / Medienhaus Lausitzer Rundschau
Die Heimat ist neuerdings überall. Früher war sie nur im MDR zur schlechtesten Sendezeit. Sie bestand aus Pappscheunen, Plaste-Mühlrädern und Stiefmütterchen-Kübeln, zwischen denen die blonde Stefanie sang von einer Zeit, die es so nie gegeben hat. Zum Glück, muss man sagen, denn man wäre in dieser künstlichen Heimat vor lauter Unterforderung eingegangen wie Stiefmütterchen im Bühnennebel. Von Christine Keilholz

Die echte Heimat lädt eben nicht immer zum Besingen ein. Zu der gehören nämlich auch verwöhnte Katzen, die den letzten Singvogel auffressen. Und das Löwenzahn-Gift, an dem die Biene eingeht. Und Sichtschutzmauern aus mannshohem Vertikalschotter, hinter dem man keinen mehr zum Reden findet. Und die neue Ortsumfahrung, die die Stiefmütterchen plattmacht, damit nicht so viele fremdländische Autos durchs Dorf fahren. Es gehört ein Kreisverkehr dazu, für den die Scheune abgerissen werden muss und eine Straßenschneise, die die neuen Kataloghäuser vor Lärm abschirmt. Alles nicht so schön, drum lieber zurück in die Kunst-Heimat.

Wenn es Weihnachten wurde in dieser Heimat, dann kamen noch Styropor-Rehe dazu, und der Patrick kam zu Besuch und sang, und über alles kam ein Dach aus Glaswolle-Schnee, der auf dem heimischen Bildschirm so schön glitzerte, wie es echter Schnee irgendwie nie auf die Reihe bekam. Omas liebten diese Heimat, aber Enkel fanden sie uncool und kamen nur schnell rein, um sich ihr Weihnachtsgeld abzuholen und damit ihr Moped vollzutanken und abzuhauen in die große Stadt.

Eine Heimat, die Omas und Enkeln gleichermaßen gefällt, ist bisher noch nicht entdeckt worden. Das hat sich die neue Bundesregierung zur Aufgabe gemacht, und dafür extra ein Bundesministerium des Inneren, für Heimat und Bau aufgemacht. Seitdem reden alle dauernd von Heimat, und was dazu gehört und was nicht. Die Antworten fallen unterschiedlich aus, die einen sagen Familie, die anderen Freunde. Schnee und Mühlräder werden eher selten genannt.