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| 02:34 Uhr

Der Reiz des Neuen und der SPD-Kanzlerkandidat

FOTO: k r o h n f o t o . d e
Kommentar. Ein paar Umfragen machen noch keinen Wahlsieg. Aber bemerkenswert ist es schon, wie Martin Schulz sich und seine SPD in ungeahnte Höhen katapultiert. Stefan Vetter

Neue Besen kehren gut. Was allerdings auch die Gefahr einer schnellen Abnutzung bedeuten könnte.

Mindestens zwei glückliche Umstände bescheren den Genossen derzeit eine Art Wiederauferstehung. Erstens: Die SPD selbst ist aus ihrer Lethargie erwacht. Ihr einstiger Vorsitzender Oskar Lafontaine hat mal gesagt, nur wenn wir uns selbst begeistern, können wir auch andere begeistern. Lafontaine putschte 1995 Parteichef Rudolf Scharping weg, mit dem die Genossen nur noch vor sich hinzudämmern schienen. Ganz so schlimm war der innerparteiliche Zustand mit Sigmar Gabriel an der Spitze zwar nicht. Aber von Begeisterung konnte genauso wenig die Rede sein. Das hat sich mit Schulz verändert.

Der zweite Umstand hat mit der Selbstgenügsamkeit der Union zu tun. "Sie kennen mich", lautete das Motto von Angela Merkel im Wahlkampf 2013. Es stand für Vertrautheit und Verlässlichkeit und bescherte der Union damals den Sieg. Der gleiche Satz von Merkel im Wahljahr 2017 könnte ganz andere Assoziationen wecken. Von der Vertrautheit bis zur Überdrüssigkeit ist der Weg manchmal sehr kurz.

Und seit ihrer umstrittenen Flüchtlingspolitik steht es nach dem Geschmack vieler Wähler auch um Merkels Verlässlichkeit nicht mehr uneingeschränkt zum Besten. Mehr noch als der deutliche Prozentzuwachs für die SPD sollte den Wahlstrategen von CDU und CSU deshalb auch das Stimmungsbarometer beim direkten Vergleich der beiden Kontrahenten zu denken geben. Dass Schulz hier derzeit klar vor Merkel liegt, ist eine ganz neue Erfahrung. Dem damaligen SPD-Herausforderer Peer Steinbrück war das im Wahljahr 2013 zu keinem Zeitpunkt gelungen. Dennoch wäre es sehr verfrüht, Merkel einfach abzuschreiben. Zumindest in ihrer eigenen Partei hat sie sich aller Konkurrenten erfolgreich entledigt.

An Kampfgeist und taktischem Geschick dürfte es der CDU-Chefin auch in der Auseinandersetzung mit Schulz nicht mangeln. Zumal sich Angriffspunkte schon abzeichnen. Zwar spricht Schulz in diesen Tagen viel über soziale Gerechtigkeit. Aber über konkrete Konzepte hüllt er sich in Schweigen. Hartz-IV-Empfänger genauso für die SPD zu gewinnen wie gut verdienende Facharbeiter, das ist ja auch ein politischer Spagat. Und wer wie Schulz den Reichen den Kampf ansagt, der muss dann auch erläutern, warum eine Managerin für nur ein Jahr im VW-Vorstand mehr als zwölf Millionen Euro kassieren kann, obwohl führende SPD-Genossen dort im Aufsichtsrat sitzen.

Nur im Ungefähren bewegt sich Schulz auch beim Thema Sicherheit. Seine Forderung nach einer "Null-Toleranz-Politik mit Augenmaß" zum Beispiel harrt noch einer schlüssigen Erklärung. Noch hat keine Seite gewonnen. Aber keine Seite hat auch schon verloren. Dass sich das über die SPD wieder sagen lässt, ist die eigentliche Überraschung im heraufziehenden Wahlkampf.

politik@lr-online.de