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Kommentar
Der Pluto-Populist im Weißen Haus

Frank Herrmann
Frank Herrmann FOTO: Redaktion / LR
Washington. Es vergeht kaum eine Woche, in der Donald Trump nicht den Rächer der Abgehängten gibt. Sobald er vor seinen noch immer loyalen Anhängern an einem Rednerpult steht, spricht er von den vergessenen Männern und Frauen, für die er sich unermüdlich ins Zeug lege, während die abgehobene politische Elite nur die Nase über sie rümpfe. Von Frank Herrmann

Der Volkstribun, der mit harten Bandagen für die Benachteiligten kämpft: In dieser Attitüde gewann er die Wahl. Spätestens mit der Steuerreform der Republikaner ist klar, dass es sich um raffiniert inszenierte Verstellungskunst handelt.

So gebetsmühlenartig der US-Präsident von einem Gesetz im Interesse der Mittelschichten spricht, so klar ist die Sprache der Zahlen. Während Joe Sixpack und die Soccer-Mom, die oft zitierten Normalverdiener, der eine mit dem Sechserpack Bier, die andere mit den Töchtern im Fußballverein, eher symbolisch von niedrigeren Abgaben profitieren, werden Unternehmen wie reiche Privatpersonen überproportional entlastet, im Übrigen ohne Rücksicht auf ausufernde Defizite. Und dass sich große Immobilienvermieter über ein besonders opulentes Weihnachtsgeschenk freuen dürfen, ist wohl kein Zufall, wenn einer aus ihren Reihen im Weißen Haus sitzt.

Jedenfalls schlägt damit die Stunde der Wahrheit. Der Plutokrat Trump hat endgültig bewiesen, dass er sich der kleinen Leute allenfalls in Slogans annimmt. Hinter der schillernden Fassade zeigt sich ein Pluto-Populist, der sich auf der Showbühne durchaus unterhaltsam als eine Art Arbeiterführer mit Privatflugzeug in Szene zu setzen wusste, während er in der Sache das genaue Gegenteil tut. Einst wetterte er praktisch täglich gegen ein schief konstruiertes System, das die kleinen Leute zu kurz kommen lasse. Nun hat er die Schieflage noch ein wenig verstärkt.