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| 18:19 Uhr

Leitartikel zum „Islamischen Kalifat“
In Trümmern aber nicht besiegt

 Martin Gehlen
Martin Gehlen FOTO: MOZ
Kommentar. Die westlichen Hauptstädte sparten nicht mit großen Worten. Von einem „historischen Meilenstein“ sprach die britische Premierministerin Theresa May. Der deutsche Außenminister Heiko Maas lobte den Sieg als „wichtigen Schritt“. Von Martin Gehlen

US-Präsident Donald Trump schwor, die Vereinigten Staaten würden so lange gegen die Terroristen kämpfen, bis diese völlig vernichtet seien.

Zumindest deren „Islamisches Kalifat“ liegt seit Samstag in Schutt und Asche. Nach tagelangem Bombeninferno kapitulierten am Samstag die Gotteskrieger in ihrer letzten IS-Bastion auf syrischem Boden. Auf den Dächern der zerschossenen Gebäude wehen jetzt die gelben Fahnen der Syrisch-Demokratischen Kräfte. Damit endet nach der Befreiung des Irak im Dezember 2017 nun auch in Syrien die territoriale Existenz des „Islamischen Kalifates“, das während der vergangenen fünf Jahre zeitweise eine Region so groß wie England unterjochte.

Doch die militärische Niederlage des IS und der Untergang des Kalifates bedeutet noch lange nicht das Ende der Terrormiliz. Die meisten IS-Gefangenen, auch ihre Frauen, gebärden sich verstockt und verhetzt. Mit hassverzerrten Gesichtern fauchten evakuierte IS-Mütter in die Kameras, weitere Generationen von Dschihadisten zur Welt zu bringen.

Auch gehen die westlichen Militärplaner davon aus, dass sich unter der syrischen Zivilbevölkerung zahlreiche Schläferzellen versteckt halten, die nur auf Befehle für neue Anschläge warten. Auf irakischer Seite haben die Anhänger des selbsternannten Kalifen Abu Bakr Al-Baghdadi längst wieder Fuß gefasst, vor allem in den Provinzen Ninive, Kirkuk, Diyala und Anbar. Kidnappings, falsche Straßensperren und Bombenanschläge aus dem Hinterhalt häufen sich.

Dagegen kommt der Wiederaufbau der zerstörten Städte kaum voran. 1,8 Millionen Menschen leben nach wie vor in Flüchtlingslagern, weil sie kein Dach mehr über dem Kopf haben. Auch die chaotischen und korrupten politischen Verhältnisse spielen den Extremisten in die Hände.

Allein in den ersten zehn Monaten des Jahres 2018 verübten IS-Gue­ril­le­ros über 1250 Attentate. In Mosul und der Ninive-Ebene tauchten wieder schwarze IS-Flaggen auf. Mindestens 15 000 Dschihadisten sollen noch im Irak operieren.

Dazu kommt eine unbekannte Zahl von Gotteskriegern, die sich aus der syrischen Enklave Baghus über die nahe Grenze in die schwer zugängliche Westwüste des Irak absetzten, unter ihnen wohl auch der Terror-Pate Abu Bakr Al-Baghdadi.

Und so appellierten die syrischen Kurden am Sonntag erneut an die Regierungen rund um den Globus, ihre Dschihadisten zurückzunehmen. Denn ihre Justiz ist völlig überfordert, die 5000 gefangenen Terroristen selbst vor Gericht zu stellen oder über Jahre in ihren Haftanstalten wegzusperren.

Zumal den mit Washington verbündeten Kurden nach dem verlustreichen IS-Feldzug bereits der nächste Krieg droht. Damaskus will deren De-Facto-Autonomie beenden und den Norden Syriens – wenn nötig – mit Gewalt „befreien“. Lässt der Westen in diesem Konflikt seine bisherigen Alliierten fallen, könnten die Kurden im Gegenzug auf die Idee kommen, die Heerscharen an Gotteskriegern wieder laufen zu lassen.

Und so steht den am Wochenende aus der Ferne erleichtert applaudierenden Regierungen in Europa und den USA jetzt die eigentliche Bewährungsprobe ins Haus. Sie müssen ihre Kalifats-Fanatiker möglichst rasch aus den kurdischen Gefangenenlagern abholen, bevor diese Gelegenheit zu neuen Untaten bekommen.

⇥politik@lr-online.de