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| 02:46 Uhr

"Der Einigungswille ist erkennbar"

An vielen deutschen Flughäfen wie hier in München flogen am Donnerstag nur noch einige Maschinen.
An vielen deutschen Flughäfen wie hier in München flogen am Donnerstag nur noch einige Maschinen. FOTO: dpa
Mit Streiks in Kitas, bei der Müllabfuhr sowie im Nah- und nun auch im Flugverkehr erhöht die Gewerkschaft verdi den Druck im Tarifkonflikt bei Bund und Kommunen. Der Präsident der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA), Thomas Böhle, rechnet mit einem baldigen Tarifabschluss. Die RUNDSCHAU fragte nach. dpa/bl

Herr Böhle, verdi-Chef Bsirske geht davon aus, dass die Streikwelle eine Einigung befördert. Wie denken Sie darüber?
Wir sind auch ohne Warnstreiks einigungsorientiert. Das waren wir übrigens von Anfang an. Deshalb sind diese Streiks auch nicht hilfreich.

Aber bislang hat die Arbeitgeberseite noch kein konkretes Verhandlungsangebot unterbreitet. Wie passt das zusammen?
Der massive Protest von verdi war erkennbar schon vor Beginn der Tarifrunde so geplant. Egal, welches Angebot wir vorgelegt hätten, es wäre als unzureichend zurückgewiesen worden und hätte an den Warnstreiks nichts geändert.

Bislang scheinen die Sympathien in der Bevölkerung aber eher auf Seiten der streikenden Arbeitnehmer zu liegen. Wundert Sie das?
Wenn Sie die Betroffenen befragen, werden Sie immer unterschiedliche Meinungen zu den Streiks bekommen. Ich höre auch viel Verärgerung, vor allem bei denen, die ihren Flug nicht antreten konnten oder sich um eine Kinderbetreuung kümmern müssen. Um es noch einmal klar zu sagen, in der jetzigen Verhandlungsphase sind Streiks unangebracht und überzogen, zumal beide Seiten am Ende der zweiten Verhandlungsrunde festgestellt haben, dass man in einer Phase der Annäherung ist.

Nach dem Willen von verdi sollen die Einkommen um einen Sockelbetrag von 100 Euro und dann um weitere 3,5 Prozent angehoben werden. Welche Spielräume sehen Sie da?
Über diesen Punkt haben wir uns noch nicht näher ausgetauscht. Es geht ja um ein großes Gesamtpaket. Klar ist aber, dass wir sicher nicht bei 7,1 Prozent Lohnerhöhung landen werden - darauf läuft die Forderung von verdi hinaus - und speziell auch nicht bei dem Sockelbetrag von 100 Euro.

Die Arbeitnehmerseite argumentiert, dass sie in den vergangenen 13 Jahren bei den Lohnsteigerungen deutlich schlechter gefahren sei als die Gesamtwirtschaft, also einiges nachzuholen habe. Klingt das nicht nachvollziehbar?
Hier vergleicht verdi unzulässigerweise Äpfel mit Birnen, denn in dem Zeitraum von 13 Jahren hat sich das Tarifrecht im öffentlichen Dienst grundlegend geändert. Sinnvoller ist es, einen Vergleich unter Geltung des neuen Tarifrechts anzustellen. Und da ist es so, dass wir im öffentlichen Dienst seit 2008 Lohnsteigerungen von bis zu 20 Prozent hatten. Das ist deutlich mehr als in der Gesamtwirtschaft. Insofern sehen wir keinen Nachholbedarf.

Am Montag steht die dritte Verhandlungsrunde an. Erwarten Sie dann ein Ergebnis?
Ja. Denn der Einigungswille ist bei beiden Seiten erkennbar.

Das heißt, die Arbeitgeber werden am kommenden Montag dann schon ein konkretes Angebot machen?
Wir werden mit Sicherheit über Größenordnungen sprechen. Da ist es zweitrangig, ob es ein formalisiertes Angebot gibt oder nicht.

Mit Thomas Böhle

sprach Stefan Vetter

Zum Thema:
Hunderte Flugausfälle, geschlossene Kitas, lahmgelegter Nahverkehr: Die Gewerkschaft verdi hat vor der nächsten Tarifrunde für den öffentlichen Dienst ihre Stärke demonstriert. Ein Warnstreik an sieben Flughäfen behinderte den Flugverkehr am Donnerstag, legte ihn aber nicht lahm. Nach verdi-Angaben beteiligten sich insgesamt 104 000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes bei Ausständen in zehn Bundesländern und an den Flughäfen. Bis zum Beginn der Spätschicht folgten Tausende Beschäftigte des öffentlichen Dienstes an Flughäfen dem Aufruf von verdi und ließen die Arbeit ruhen. Besonders stark betroffen war das größte Drehkreuz in Frankfurt. Dort wurden mehr als 550 von 1300 geplanten Flügen annulliert. dpa/bl

Thomas Böhle sieht bei den Tarifen im öffentlichen Dienst keinen Nachholbedarf.
Thomas Böhle sieht bei den Tarifen im öffentlichen Dienst keinen Nachholbedarf. FOTO: dpa