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| 20:19 Uhr

Kommentar
Der Durchschnitt als relativer Wert

 Dieter Keller
Dieter Keller FOTO: MOZ
Mit Durchschnittswerten ist das so eine Sache. Wer eine Hand in kochendes Wasser taucht und die andere in eiskaltes, hat im Schnitt angenehme Temperaturen. Trotzdem verbrennt und erfriert er sich die Finger. Von Dieter Keller

So sieht es auch bei den durchschnittlichen Einkommen pro Kopf in Deutschland aus, die das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ausgerechnet hat: Sie zeigt zwar, wo besonders viel Geld ist, aber nicht, wie gleichmäßig es verteilt ist.

Zudem muss ein hohes Nettoeinkommen nicht unbedingt heißen, dass sich die Menschen wirklich viel leisten können. Das zeigt ein Blick nach München oder auch Stuttgart, wo die Mieten ebenso explodieren wie die Immobilienpreise. Für das übrige Leben muss nicht unbedingt so viel mehr übrig bleiben wie in einer Region mit günstigen Wohnungspreisen. Die Ostdeutschen werden beklagen, dass sie immer noch abgehängt sind. Aber unterm Strich kann die Rechnung durchaus anders aussehen, und die Tendenz ist positiv.

Trotz dieser Einwände macht die WSI-Studie deutlich, wie unterschiedlich die Lebensbedingungen in Deutschland sind – und dass es nicht nur ein Ost-West-Gefälle gibt. Das Grundgesetz verlangt nicht gleiche, sondern gleichwertige Lebensverhältnisse. Was das in der Praxis heißt, darüber lässt sich fröhlich streiten.

Zumal der fast beiläufige Hinweis interessant ist, dass das Einkommensniveau auch in vielen ärmeren Regionen noch höher ist als in Italien, was auch nicht als armes Land gilt. Die Politik muss sich der schwachen Kreise besonders annehmen, auch wenn es keine Patentrezepte gibt. Keiner darf sich abgeschrieben fühlen.

⇥politik@lr-online.de