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| 18:36 Uhr

Der 1. Mai und die Märsche
Demonstrieren – wofür?

 Dieter Keller
Dieter Keller FOTO: MOZ
Vor genau 100 Jahren war der 1. Mai in Deutschland erstmals ein gesetzlicher Feiertag. Die Weimarer Republik reagierte damit auf die immer schärfer werdenden Klassenkämpfe, die die junge Demokratie zu zerreißen drohten.

Auf nationaler Ebene blieb der Feiertag erst einmal ein einmaliges Ereignis.

Inzwischen ist der „Tag der Arbeit“ seit Jahrzehnten arbeitsfrei, ein angenehmes Zeugnis dieser wilden Zeit. Doch die Maifeiern, zu denen die DGB-Gewerkschaften einladen, sind zu einem zahmen Ritual erstarrt. Es gehört sich halt, die roten Fahnen herauszuholen, durch die Straßen zu ziehen, ein paar flammende Reden zu halten und einen Klassenkampf zu beschwören, der längst vergessen ist.

Im letzten Jahr kamen bundesweit 340 000 Menschen zu den Demos, wobei der DGB erfahrungsgemäß großzügig zählt. Das klingt beeindruckend. Doch gemessen an den knapp sechs Millionen Mitgliedern, die immer noch in den acht Mitgliedsgewerkschaften des DGB organisiert sind, waren das keine sechs Prozent.

Die Mehrzahl der Bürger genießt lieber den freien Tag. Wofür sollten sie auch demonstrieren. Der Acht-Stunden-Tag wird längst unterschritten. Die Beschäftigung erreicht immer neue Rekordmarken.  Die Löhne steigen seit Jahren deutlich stärker als die Inflation, die Bürger haben also mehr Geld.

Zweifellos gibt es noch Probleme. Aber die spielen auf den 1.-Mai-Demos keine so große Rolle. Bemerkenswert ist etwa, dass über drei Millionen Vollzeitbeschäftigte weniger als 2000 Euro brutto im Monat verdienen. Die Gewerkschaften beklagen dieses Problem lautstark. Doch sie sind zu schwach, bessere Löhne durchzusetzen. 

Immer wieder beschwören sie auch die Solidarität unter den Arbeitnehmern. Im Alltag ist davon wenig zu sehen. Dabei wäre mehr Gemeinsinn dringend gefragt angesichts der Umwälzungen, die Globalisierung und Digitalisierung mit sich bringen dürften.

Auf diese Entwicklung haben Gewerkschaften wenig Antworten. Lieber verteidigen sie die Arbeitszeitordnung und alte Berufsbilder, statt sich an den Anforderungen der neuen Zeit auszurichten. Das ist zu wenig für einen zukunftsfähigen Tag der Arbeit.

politik@lr-online.de