ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:04 Uhr

100 Jahre Frauenwahlrecht
Frauenrechtsdebatte: Entspannen bitte!

Das waren noch Zeiten: Frauen stehen in einer Schlange vor einem Wahllokal, damit sie das gerade erstrittene Wahlrecht wahrnehmen können. Foto: AdsD/Friedrich-Ebert-Stiftung/dpa
Das waren noch Zeiten: Frauen stehen in einer Schlange vor einem Wahllokal, damit sie das gerade erstrittene Wahlrecht wahrnehmen können. Foto: AdsD/Friedrich-Ebert-Stiftung/dpa FOTO: dpa / --
Frauenrechte sind nach wie vor eine Baustelle. Trotzdem bräuchte die Debatte mehr Augenmaß. Eine Betrachtung von Lydia Schauff

„Das Recht auf ein Frauenwahlrecht liegt für uns im Wandel des gesellschaftlichen Lebens begründet, welcher durch die kapitalistischen Produktionsmethoden stattfindet (...). Dies hat der Bewegung den größten Antrieb gegeben“; schrieb SPD-Politikerin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin. Und am 12. November 1918 war es soweit, durften Frauen in Deutschland das erste Mal wählen.

Heute, 100 Jahre später, ist das Thema Frauenwahlrecht quasi ein alter Hut. Heute wird über ungleiche Bezahlung, sexuelle Übergriffe, zu wenige Frauen in Führungspositionen und bestimmten Berufen diskutiert.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verdienen Frauen in Deutschland durchschnittlich 22 Prozent weniger als Männer. Entschuldigung, geht’s noch? Wenn eine Frau die gleiche Arbeit macht wie der männliche Kollege, hat sie auch genauso viel zu verdienen. Punkt.

Während bei diesem Aspekt das Urteil nur eindeutig sein kann, gestaltet sich das beim Thema Frauen und Berufswahl schwieriger. Nach wie vor sind Frauen in Bereichen wie KfZ-Mechatronik oder Elektrotechnik unterrepräsentiert, ihr Anteil liegt bei zwei bis drei Prozent. Aber das ist nicht nur die Schuld der Männer. Studien zeigen, dass Lehrer, und ja auch Lehrerinnen, etwa in Mathe Jungen mehr fördern, weil sie denken, Mädchen können das nicht so gut. Frauen müssen also auch erstmal ihre eigenen Barrieren im Kopf überwinden. Wir Frauen sitzen an vielen Hebeln, dann müssen wir auch mal schalten. Wie reagieren Sie etwa als Mutter, wenn ihre Tochter gerne mit der Spielzeugpistole hantiert und mit Autos spielt?

Ja, Frauen sollten unbedingt Kfz-Mechatroniker werden oder Bauarbeiterinnen. Aber wenn wir Frauen Gleichberechtigung wollen, dann müssen wir auch konsequent sein. Soll heißen: Frauen müssen zum Wehrdienst. Oder wir sind einfach mal ehrlich: Frauen und Männer sind unterschiedlich, vor allem physisch. Das wird aber gerne mal wegdiskutiert. Wenn Frauen zeigen wollen, dass das keine Hürde ist, dann müssen sie sich auch mal trauen, statt zu warten, dass einer die Regeln neu schreibt. Denn de facto steht Frauen die Welt offen. Also gehet hin und werdet Elektrotechnikerinnen oder Kanzlerin – denn ja in dieser Spitzenpositon in Deutschland sitzt gerade eine Frau. Und mit Schlagfertigkeit und Selbstbewusstsein wird jeder noch so blöde Männerkommentar gekontert. Und spätestens, wenn die Männer merken, was Frau kann, ist schnell Ruhe im Karton.

Überhaupt keine Ruhe kommt in die Debatte um sexuelle Übergriffe auf Frauen. Bei Twitter teilen unter dem Hashtag #metoo (ich auch) Frauen ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen und Diskriminierung. Es sind bereits Tausende Fälle, es werden täglich mehr. Traurig, tragisch. Anlass war, dass Filmproduzent Weinstein vor einem Jahr öffentlich der sexuellen Belästigung beschuldigt wurde. Und doch drängt sich die Frage auf: Steht die Reaktion immer im richtigen Verhältnis zur Tat? Es kann nicht Ziel sein, dass Männer künftig Angst haben müssen, dass der freundschaftlich gemeinte Schulterklopfer gleich zum sexuellen Übergriff verkommt.

Wo Männer eindeutig absichtlich und böswillig Frauen begrabschen und unterminieren, muss eine harte und rigorose Reaktion folgen. Aber was ist mit der Berührung am Arm oder am Bein in einer trinkseligen, lockeren Runde? Und in der Künstlerwelt, die generell ein sehr liberaleres Grundverständnis hat, könnte da der Klaps auf den Po auch liebenswert gemeint sein?

 Vielleicht sollte dann nicht immer gleich das ganz große Rad gedreht werden. Aber es muss sofort klar gemacht werden, wo die Grenze ist. Wird diese wieder überschritten, gilt ebenfalls: rigoros Durchgreifen. Ein Nein ist ein Nein bleibt ein Nein. Kontext hin oder her. Und was ist mit sprachlicher Diskriminierung? Mit Kommentaren wie: „Ah, eine Frau, die ihrem Mann das Bier bringt, wie es sich gehört.“ Da gibt es einen markigen Spruch zurück.

Wenig Augenmaß gab es beim Shitstorm, der losbrach, weil ein Kameramann bei der Tagesschau über die Beine von FDP-Politikerin Anne Suding, die Minirock trug, schwenkte. Ich zeige Bein, damit alle weggucken? Wohl kaum. Und es geht noch schlimmer. In vielen Musikvideos räkeln sich weibliche Künstlerinnen halbnackt, nackt, da wird alles in die Kamera gehalten und geschüttelt, was der Körper hergibt. Diese Frauen wollen nicht als Objekte gesehen werden, präsentieren sich aber als solche. Dass manche Männer – und selbst Frauen – dann  nicht mehr mitkommen, ist kaum verwunderlich.

Und bei all den Debatten über Frauenbilder fällt eine Debatte hinten runter: die über Männerbilder. Erst, wenn es auch gelingt, alte Rollenvorstellungen von Männern aufzubrechen, kann Gleichberechtigung gelingen. Und deswegen gibt es bei all dem Reden über Frauenrechte einen Wunsch: Entspannt euch mal alle ein bisschen!