ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 12:12 Uhr

Leitartikel zum Holocaust-Gedenken
Das „Nie wieder“ ist unsere Leitkultur

Werner Kolhoff
Werner Kolhoff FOTO: krohnfoto.de
Anita Lasker-Wallfisch, die am Mittwoch im Bundestag zum Holocaust-Gedenktag reden wird, wird eine der Letzten sein. Sie ist 92 Jahre alt. Bald wird es keine Zeugen des Massakers mehr geben. Je abstrakter der Holocaust für die jüngere Generation mit jedem Jahr wird, desto größer wird das Desinteresse werden. Und desto stärker können dann die giftigen Aussagen jener wirken, die das alles als Fake-News verhöhnen. Weil sie natürlich wissen: Dieses emotionales Bollwerk namens „Nie wieder“ muss erst geschleift werden, wenn man im Kleinen wieder anfangen will mit der Jagd auf Minderheiten, mit Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, autoritärem Staatsverständnis. Deshalb hat AfD-Mann Björn Höcke von einem „Denkmal der Schande“ gesprochen. Von Werner Kolhoff

Der Vorschlag, alle Schüler in Deutschland einmal in ihrem Leben auf einen KZ-Gedenkstättenbesuch zu schicken, kommt daher gerade zur richtigen Zeit. Nicht nur wegen der palästinensischen und arabischen Jugendlichen, die mit ihrem Judenhass den Anstoß gaben. Sondern auch wegen des Wiedererstarkens deutscher Neonazis und Antisemiten. Denn das „Nie wieder“ ist der Kern unserer bundesrepublikanischen Leitkultur und muss es bleiben.

Gegen Zwangsbesuche wird eingewandt, dass so etwas bei der jungen Generation nur eine Gegenreaktion erzeuge und erst recht zu Abneigung führe. Freilich ist „Du Jude“ auch ohne solche Ausflüge zum gedankenlosen Schulhofspruch der Wahl geworden. Die KZ-Gedenkstätten sind die anschaulichsten Museen, die es zu diesem Thema gibt. Niemand verlässt sie nach seinem Besuch so wie er gekommen ist. In Realschulen und Gymnasien sollte Exkursionen in die einstigen Lager daher verbindlicher Teil des Lehrplans im Fach Geschichte sein. Eingebettet in den Unterricht über die Zeit des Nationalsozialismus. Eine ausreichende finanzielle Förderung solcher Reisen durch die Länder gehört selbstverständlich dazu.

Es geht nicht „nur“ um um die Vermittlung eines monströsen historischen Ereignisses. Es geht um grundsätzliche Erkenntnisse für unser heutiges Zusammenleben. Der Massenmord ist erst da möglich, wo der einzelne wegen seiner Religion, Rasse, sexuellen Neigung stigmatisiert und dann diskriminiert wird. Der Massenmord braucht manipulierte Medien, fanatisierte Massen, autoritäre Staaten und viele, viele Gleichgültige, die wegschauen. Jeder, der für Demokratie kämpft, für die Rechte des Individuums, einschließlich seiner eigenen, jeder der nicht mitläuft mit den Dummen, hilft ihn zu verhindern. Schau dich um, wie es heute ist, lautet die Lehre. Er fing damals im Kleinen an, in deiner Straße, auf deinem Schulhof. Und es wird wieder im Kleinen anfangen. Es liegt auch an dir, so etwas zu verhindern. Hier und jetzt.