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Das Kreuz mit dem zweiten Anlauf

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Die zweite Chance, es ist ein Konzept, das Amerikaner gern zum Kern ihrer Lebensphilosophie erklären. Wer scheitert und wieder aufsteht, wer aus Fehlern lernt und zum Comeback antritt, dem sind Sympathie und Respekt garantiert, denn niemand ist hier für alle Zeiten zum Versager ge stempelt. Kommentare Frank Herrmann, Washington

Nur, dass die Duelle ums Weiße Haus mit ernüchternder Regelmäßigkeit beweisen, dass das in der Politik nur mit Einschränkungen gilt. In Wahlkämpfen schätzt das Land keine Loser. Ob Jimmy Carter oder Bill Clinton, George W. Bush oder Barack Obama: Die meisten, die zuletzt ins Oval Office gewählt wurden, haben es im ersten Anlauf geschafft. Die Ausnahme bildete Ronald Reagan, der 1980 erst im zweiten Anlauf gewann. Man sollte also vorsichtig sein mit allzu viel Vorschusslorbeer für Hillary Clinton. Sie mag die Favoritin sein, zumindest in den eigenen Reihen. Es ist aber nur eine Momentaufnahme.

Schon vor acht Jahren schien es so, als könnte ihr keiner das Wasser reichen. Schon damals machte das Wort von der unvermeidlichen Kandidatin die Runde. Schon damals sprachen manche von einer Bewerberin, die praktisch gekrönt werden würde, statt sich im Marathon der Primaries (Vorwahlen) durchbeißen zu müssen. Bekanntlich kam es anders, und deshalb ist eine Prise Skepsis nicht unangebracht.

Was 2015 von 2007 unterscheidet: Bei den Demokraten ist im Augenblick kein zweiter Barack Obama in Sicht, kein Senkrechtstarter, der der Gesetzten erfolgreich den Fehdehandschuh hinwerfen könnte. Aber bis in Iowa die erste Vorwahl stattfindet, gehen noch fast neun Monate ins Land. Zeit genug für einen überraschenden Herausforderer.

Gewiss, man darf nicht unterschätzen, wie viele Wähler dem Durchbruch des Jahres 2008 einen zweiten folgen lassen möchten. Damals der erste Schwarze im Weißen Haus, demnächst die erste Präsidentin: Das Historische wird eine Rolle spielen, es wird gerade Frauen motivieren, für Hillary zu stimmen. Und es wird einige geben, die nachträglich bereuen, dass sie seinerzeit Obama den Vorzug gaben, einem Jungsenator ohne Managementerfahrung, in dessen ersten Amtsjahren manches Vorhaben scheiterte, weil er handwerkliches Geschick vermissen ließ.

Erfahrung, Kompetenz und Kompromissfähigkeit sind Stärken, die Clinton in die Waagschale wirft. Ihr Pflichtgefühl ist Legende. In vier Jahren als Chefdiplomatin legte sie nahezu eine Million Flugmeilen zurück, um 112 Länder zu besuchen. Zu ihrem Freundeskreis gehören Republikaner wie John McCain; es dürfte ihr relativ leicht fallen, Brücken ins konservative Lager zu bauen.

Nur sehnen sich die Demokraten eben auch nach einer Kandidatin, die das Herz wärmt. Clinton, die pro Rede angeblich zweihunderttausend Dollar kassiert, hat Mühe, die Sorgen und Nöte der kleinen Leute zu verstehen. politik@lr-online.de