ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:08 Uhr

Das Kainsmal

Der Ort in Polen, an dem sich am Donnerstag Staatsmänner aus ganz Europa treffen werden, heißt Oswiecim. Aber ein anderer Name für das polnische Städtchen bestimmt die Nachrichten – Auschwitz, ein deutscher Ortsname wie kein anderer.

Was Menschen Menschen antun können an Bösem, dafür steht
Auschwitz, diese unbegreifliche Ansammlung von Konzentrations- und Vernichtungslagern, wo in Sekunden auf einer Selektionsrampe die Entscheidung fällt zwischen sofortigem Tod im Gas und einem bisschen Weiterleben. Auschwitz ist der neue Kern eines zentralen Mythos der Menschheitsgeschichte geworden. Es ist die wieder erzählte biblische Geschichte vom ersten Geschwisterpaar, wo der eifersüchtige Kain seinen Bruder Abel erschlug und von Gott dafür gezeichnet wurde.
Tatsächlich war Ausschwitz neben anderen Vernichtungslagern wie Treblinka, Maidanek oder Sobibor Schauplatz eines vollendeten Völkermords. Der Plan der Nazi-Mörder ging auf, die einst so fruchtbare jüdische Kultur Osteuropas wurde ausgelöscht. Ihre Sprache, die jiddische, eine Schwester des Deutschen paradoxerweise, hat einmal Literatur-Nobelpreisträger hervorgebracht und wird nicht mehr gesprochen. Mit ihr verschwunden ist in den Gaskammern die einstige Heimat von Millionen, das jüdische Schtetl des Ostens. Geblieben ist nur die Erinnerung, in den großartigen Bildern eines Marc Chagall beispielsweise oder der Klezmer-Musik. Was den Mördern gelungen ist, ist tatsächlich ein kleiner Weltuntergang und sechzig Jahre nach dem Ende des Mordens in Auschwitz rückt dieses Menetekel deswegen mit solcher Macht ins Bewusstsein der globalen Öffentlichkeit.
So wie in der Bibel der erste Mord mit einem Namen verbunden ist, so wird Auschwitz wohl für die Ewigkeit mit uns Deutschen verbunden bleiben. Denn wer nach den Toten von Ausschwitz fragt, fragt auch nach den Mördern. Und die waren die Führer des deutschen Volkes. Der Ort, der Mythos vom schlechthin Bösen ist unser Kainsmal. Ob wir dies selbst so empfinden, ob wir in den Spiegel unserer Geschichte sehen, um es wahrzunehmen, interessiert die anderen nur am Rande. Los werden wir dieses Mal nimmermehr. In der Geschichte der Bibel ist es gnädigerweise ein Schutz, es sollte eine neue Untat an
Kain, dem Mörder, verhindern. Wenn wir weiter bei dem biblischen Text aus dem ersten Buch Moses bleiben, so steht da die berühmte Frage als Ausrede des Kain: "Bin ich meines Bruders Hüter?" Und in dieser Frage steht auch eine Antwort auf Auschwitz. Dass der Mensch zum Hüter seines Bruders wird, ihm nicht nur nichts Böses tut, sondern schützt, wo er kann. Dass nichts, auch nicht die Rache für vorangegangenes Unrecht, den gewaltsamen Tod rechtfertigt. Dass unser Kainsmal nicht nur Verpflichtung, sondern auch Schutz bedeutet. Dass wir alle, gleich welcher Hautfarbe, zu welchem Gott auch immer betend und welche Sprache auch immer sprechend, Brüder sind.