| 02:33 Uhr

Das Gut und Böse

Leitartikel. Auch im Tod ist Helmut Kohl immer noch der, der er schon zu Lebzeiten gewesen ist: ein großer Polarisierer. Einer, der für Unverständnis und Unbehagen sorgt. Hagen Strauß

Das zeigt sich anhand des Trauerspiels in vielen Akten, welches im Moment aufgeführt wird und bei dem sich jede Menge Irritationen und Verwerfungen rund um den Altkanzler auftun.

Helmut Kohl kommt nicht zur Ruhe. Die mit ihm eng verbunden sind, allerdings auch nicht. Ein Sohn, der mit den Enkelkindern vor der Tür des Elternhauses steht und nicht hineingelassen wird. Eine Witwe, die das Erbe und den vermeintlichen Willen ihres Mannes zäh, hart und offenkundig unerbittlich verteidigt - da sind die Rollen von Gut und Böse schnell verteilt. Doch Vorsicht: Bei aller Tragik der Familiengeschichte Kohls, sie darf nicht zu unseriöser Parteinahme für die eine oder andere Seite führen.

Das Unglück des Familienlebens hat es zweifelsfrei gegeben. Darüber haben Kohls Söhne häufig genug berichtet. Und nicht zuletzt der Freitod der ersten Ehefrau Hannelore hat diese Erkenntnis hinreichend verfestigt. Auch gehörten Rache und nachtragend zu sein zu den Wesensmerkmalen des Mannes aus Oggersheim. Aber wer wofür verantwortlich zeichnet, wie Schuld und Unschuld in diesem Trauerspiel verteilt sind, wissen wahrscheinlich nur die Familienmitglieder selber.

So ist dann auch nicht eindeutig erkennbar, ob in diesen Tagen tatsächlich alles nach dem Willen Kohls abläuft oder aber, ob der Verstorbene benutzt und auf seinem letzten Weg inszeniert wird. Das konnte man freilich in den vergangenen Jahren seines Lebens auch nicht klar sagen. Denn fast immer blieb ein Rätsel, ob Kohl sich noch selbst kritisch mit der Politik der Kanzlerin oder Europas auseinandergesetzt hat oder ob jemand anderes (oder eine andere) die Feder für ihn führte. Schlichtweg, um das Erbe des Kanzlers der Einheit zu verteidigen.

Gleiches gilt nun für den Streit um den nationalen Staatsakt, für das angebliche Ansinnen, dass man eine Rede des amtierenden Bundespräsidenten aus altem Ärger möglichst verhindern wollte. Wenn Kohl dies tatsächlich so gewünscht hat, ist es beschämend. Aber es würde zu ihm passen.

Bundestagspräsident Norbert Lammert hat es jedenfalls gestern in seiner Rede im Bundestag auf den Punkt gebracht: Die Auseinandersetzung mit einer solch prägenden politischen Lebensleistung ist nicht allein Familiensache. Auch wenn Kohl dies womöglich zu Lebzeiten anders gesehen hat - oder eben jetzt seine Witwe. So tritt in diesen Tagen leider vieles von dem, für das man Kohl wirklich politisch dankbar sein muss, in den Hintergrund.

Was sich stattdessen aufdrängt ist einmal mehr das Bild eines verbitterten Mannes, der offenbar auch nicht einmal über den Tod hinaus zu Versöhnung und Ausgleich imstande gewesen ist. Das ist die eigentliche Tragik Helmut Kohls.

politik@lr-online.de