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| 16:36 Uhr

Leitartikel zu Christchurch
Geschäftsmodell fußt auf Verantwortungslosigkeit

 Roland Müller
Roland Müller FOTO: SÜDWEST PRESSE
Wenn es eine Erkenntnis über Terrorismus gibt, die man verstehen muss, ist es diese: Es ist ein Krieg, der mit Bildern geführt wird. Für das unfassbare Massaker im neuseeländischen Christchurch gilt dieselbe Logik wie für das Attentat auf dem Berliner Breitscheidplatz oder die Attacken auf das World Trade Center in New York: Ziel ist es, eine Botschaft zu senden – um Feinden Angst zu machen und Mitstreiter zum Jubeln zu bringen.

Das terroristische Kalkül, ob rechtsextrem oder islamistisch, ist das des ultimativen Fanals: je mehr Tote, je krassere Bilder, desto mehr Aufmerksamkeit.

An die Stelle strikt organisierter Terrorgruppen tritt allerdings seit Jahren zunehmend der „Lone Wolf“, der Einzeltäter, der höchstens lose und virtuell an politische Gruppierungen angedockt ist. Das lässt die Grenzen zwischen Terrorismus und Amoklauf zunehmend verschwimmen. Die Methoden sind dieselben, nur die Motive sind andere. Der Amokläufer will selbst berühmt werden, der Terrorist (auch) eine mörderische Ideologie verbreiten. Beide leben von den Bildern, die sie in die Köpfe der Menschen einbrennen.

Der Täter von Christchurch führt uns das in der bisher krassesten Weise vor Augen: Mit einer Helmkamera übertrug er seine Tat live im Internet, unterlegte sie mit kämpferischem Soundtrack und ließ das Morden einem Video­spiel ähneln. Dafür nutzte er Ausrüstung, mit der sonst Extremsportler ihre waghalsigen Sprünge übertragen. Zynischer sind die Möglichkeiten der modernen Internet-Kommunikation für eine solche Tat noch nie genutzt worden.

Und die Bilder davon sind nun unsterblich da draußen im Umlauf. Da alle Schutzmechanismen des Netzwerks versagten, wurde die 17-minütige Horrorshow nicht nur komplett auf Facebook veröffentlicht, sondern blieb auch danach lange genug abrufbar, um unzählige Male dupliziert zu werden.

Seit der Löschung kämpfen Facebook und Youtube gegen eine Flut aus millionenfachen neuen Uploads. In den dunkleren Ecken des Netzes, in denen sich auch der Täter herumtrieb, wird es ohnehin nie gelöscht werden, sondern gefeiert.

Dass das Blutbad des rassistischen Ego-Shooters von Christchurch nun seinen Weg in die Kinderzimmer und auf die Schulhöfe finden wird, liegt nicht an einem Augenblicksversagen der sozialen Netzwerke – es ist ein systematischer Kollateralschaden ihres Geschäftsmodells, das auf Verantwortungslosigkeit fußt.  Dass auch einige klassische Medien der Sensationsgier nachgaben und dem Täter eine größere Bühne boten als nötig, ist da eher eine Randnotiz.

Wenn Bilder Waffen sind, werden Medien automatisch zu Komplizen  – dieses Dilemma hat es bei Terrorismus schon immer gegeben. In der digitalen Welt, in der jeder ungefiltert eine Weltöffentlichkeit erreichen kann, verwandelt es sich zum totalen Kontrollverlust. Amokforscher wissen längst: Wo Killer sich medial zu Helden inszenieren können, und junge Menschen massenhaft diese Bilder sehen, sind Nachahmer nicht weit.

politik@lr-online.de