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| 18:05 Uhr

Buch der Woche
Abgründig optimistisch

Ingrid Hoberg
Ingrid Hoberg FOTO: LR / Sebastian Schubert
Wer träumt nicht von einem sorglosen Leben und weiß doch, dass es Illusion bleiben muss? Der französische Philosoph Voltaire veröffentlichte 1759 unter Pseudonym eine satirische Novelle, in der er sich gegen eine naiv-optimistische Weltanschauung wandte. Von Ingrid Hoberg

„Candide ou l’optimisme“ wurde viel gelesen, gelobt und ebenso missverstanden – ein philosophischer Text, der an die Tradition des Schelmenromans anknüpft. Es gibt „Candide“ schon in mehr als 20 deutschen Übertragungen, doch nun hat der Lyriker und Romanist Tobias Roth eine neue Übersetzung vorgelegt. Der hintergründige und bitterböse Humor ist es, der ihn bei Voltaire fasziniert und den er in einer heutigen, bildstarken, kurzweilig lesbaren Sprache dem Leser näherbringt. Erzählt wird die Geschichte von Candide, der aus der „besten aller möglichen Welten“, einem Schloss in Westfalen, ausgeschlossen und über die Erdkugel getrieben wird. Was er im 18. Jahrhundert erlebt, ist unglaublich: Machtgier und Profitsucht, Mord und Schiffbruch, Naturkatastrophen und menschliches Elend ohne Ende. Da gerät die optimistische Lehre seines Meisters Pangloß, die der junge Candide naiv in sich aufgenommen hat, ins Wanken. Aber wundert uns das, geht es uns heute anders, wenn wir Nachrichten aus aller Welt erfahren? In einer neuen Ausgabe von „Candide“, die von Officina Ludi herausgegeben wurde, hat der Berliner Grafiker Klaus Ensikat 55 aquarellierte Federzeichnungen geschaffen - ein bekanntermaßen brillanter Buchkünstler. Seine Grafiken sind mehr als eine Bebilderung des skurrilen Geschehens. Er legt mit seinen Zeichnungen gleichsam eine weitere Ebene der Geschichte frei. Ein Dreivierteljahr Arbeit steckt zwischen den Buchdeckeln. Denn nicht nur die Akteure in den verschiedenen Szenen werden lebendig, jede Kapitelüberschrift ist kal­igrafisch gestaltet. Ein gewichtiges Buch liegt in der Hand. Es gibt uns eine Botschaft mit auf den Weg: „Wir müssen unseren Garten bestellen“, wie Voltaire sagt. Jeder Einzelne ist aufgefordert, an der Veränderung der Welt zu arbeiten – anders geht es nicht.