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| 19:29 Uhr

Leitartikel Brexit und kein Ende
Gefangene der Geschichte

FOTO: MOZ
Verwirrung, endlose Abstimmungen, Brüllereien, Irrsinn. Das ist das Bild, welches das britische Parlament vor den Augen der Welt gegenwärtig abgibt – ein Trauerspiel für die stolze Nation. Nach all der Häme vom Kontinent ist es an der Zeit, eine Lanze für die Briten zu brechen.

Denn im Ringen um den richtigen Weg in die Zukunft sind sie Gefangene ihrer Geschichte.

Zunächst einmal muss man mit einem Missverständnis zwischen Großbritannien und den anderen EU-Staaten aufräumen. Während die EU für viele Europäer auf dem Festland als Herzensprojekt gilt, sehen die Briten das Staatenbündnis sehr viel nüchterner. Sie haben selber jahrhundertealte Institutionen, die sich in ihren Augen bewährt haben. Einmischungen von außen sind ihnen von jeher suspekt, zumal das Königreich als Weltmacht lange Zeit selbst den Ton angegeben hat. Sich einer diffusen Macht in Brüssel unterzuordnen, fällt ihnen schwer. Umso schlimmer muss es sich anfühlen, auch bei der Scheidung von ihr abhängig zu sein.

Das wirtschaftliche Potenzial Europas wurde von der einstigen Welthandelsmacht mit Wohlgefallen begleitet, das politische Zusammenwachsen hingegen – mit dem Euro und dem grenzenlosen Schengen-Raum – mit zunehmendem Unbehagen. Großbritannien will aus der politischen Union mit Europa heraus, aber nicht aus der wirtschaftlichen. Viele Abgeordnete haben aber offenkundig nicht gemerkt, dass beides inzwischen untrennbar zusammengehört und daher ein Scheidungsvertrag notwendig ist, bevor man über Freihandel reden kann.

Die für britische Verhältnisse hochemotionalen Debatten im Parlament haben aber außerdem mit dem Selbstverständnis der Abgeordneten zu tun. Denn aufgrund des dortigen Mehrheitswahlrechts ist jeder Parlamentarier in erster Linie seinem Wahlkreis verpflichtet. Können sich Abgeordnete des Bundestags, die über Landeslisten ins Parlament gekommen sind, im Zweifel hinter der Parteilinie verstecken, ist das auf der Insel nicht so leicht möglich. Hat ein Wahlkreis mehrheitlich für den Brexit gestimmt, gilt das der oder dem jeweiligen Abgeordneten meist als direkter Auftrag.

Bei all dieser Last ist die Bitte um einen Brexit-Aufschub verständlich. ⇥politik@lr-online.de