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| 17:46 Uhr

Leitartikel zur Kandidatensuche der SPD
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 Günther Marx
Günther Marx FOTO: MOZ
Es gibt, salopp gesprochen, leichtere Jobs als den eines US-Präsidenten. Dennoch ist die Bewerberschar zum Auftakt der Wahlkampfrallye jedes Mal ziemlich groß, wie jetzt bei den Demokraten zu sehen ist.

Auch Vorsitzender oder Vorsitzende der SPD zu sein, ist kein leichter Job. Zwar sagte Franz Müntefering einst, es sei „das schönste Amt neben dem Papst“, aber lange hat er’s nicht ausgehalten, was unter anderem an einer gewissen Andrea Nahles lag, die nun ihrerseits den Job geschmissen hat. Vor einem Monat war das. Ernsthafte Bewerber um die Nachfolge sind bis heute nicht zu sehen.

Das lässt sich zwar einerseits mit dem Bewerberverfahren erklären, das jetzt erst anläuft, ein paar Hürden enthält und auch sonst recht kompliziert ist. Für eine Partei mit Führungsanspruch bis hin zur Kanzlerschaft ist das andererseits aber bemerkenswert. Man hat fast den Eindruck, geeignete Kandidaten müssten zum Jagen getragen werden. Der „Eine“ oder die „Eine“ jedenfalls in einer klaren Favoritenrolle qua Statur und Erfahrung drängt sich nicht auf – auch nicht im Tandem, wie es die Partei nun bevorzugt.

Die üblichen Verdächtigen, die immer ins Spiel kommen, wenn in schwieriger Lage Verantwortung zu übernehmen ist, haben abgewunken; so die Ministerpräsidentinnen Malu Dreyer und Manuela Schwesig wie auch der Finanzminister und Parteivize Olaf Scholz. Über anderen wiederum schweben Fragezeichen wie bei der Familienministerin Franziska Giffey. Sie hat zwar Andeutungen gemacht, die als Bereitschaft zur Kandidatur gedeutet werden, aber schleppt das Handicap ihrer Doktorarbeit mit sich herum. Die Partei ginge ein Risiko ein, sich auf eine Lösung mit ihr zu entscheiden, ohne dass diese Sache überzeugend zu ihren Gunsten geklärt ist. Wieder andere, wie der SPD-Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag, Thomas Kutschaty, sind über Rhein und Ruhr hinaus nahezu unbekannt. Und wer etwa an Heiko Maas denkt, sei daran erinnert, dass dieser im heimischen Saarland beim Griff zur Macht mehrfach gescheitert war. Der Wechsel in die Bundespolitik, als die SPD seinerzeit einen Justizminister brauchte, glich einer politischen Wiederbelebung.

Das ist die Situation, in der sich die über 70-jährige Gesine Schwan ins Spiel gebracht hat, eine frühere Hochschullehrerin und ehemalige Bundespräsidentschaftskandidatin. Sie findet die vielen Absagen für eine Spitzenkandidatur peinlich, will sich aber nicht aktiv bewerben, sondern gerufen werden. Nur hat das noch niemand getan. Und auch das Gedankenspiel, gemeinsam mit dem jungen Himmelsstürmer Kevin Kühnert in die Bütt zu steigen, bleibt wohl vor allem eines – ein Gedankenspiel; je nach Betrachter charmant, verwegen oder absurd. Kühnert hält sich zurück.

So steht die SPD am Anfang eines Prozesses, der sie bis in den Dezember hinein – wenn alles gut geht – beschäftigen wird. Es geht dabei nicht nur um die neue Spitze, sondern auch ums Überleben. Und das der Groko gleich mit.

⇥politik@lr-online.de