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Balanceakt für Berlin

FOTO: k r o h n f o t o . d e
Leitartikel. Die Begeisterung über den Wahlsieg von Emmanuel Macron ist groß. Auch in Deutschland. Stefan Vetter

Die Bundeskanzlerin nannte den Triumph des smarten Franzosen "ein klares Bekenntnis zu Europa". Wirklich?

Soll Europa tatsächlich wieder zur Herzensangelegenheit werden, dann kann jedenfalls auch Deutschland nicht einfach so weitermachen wie bisher. Macron braucht schnelle Erfolge im Kampf gegen die französische Wirtschaftskrise. Und Berlin muss dem neuen Hoffnungsträger dabei helfen. Ansonsten wäre ein Sieg Le Pens nur auf die nächste Wahl in fünf Jahren vertagt. Und dann würde es richtig teuer. In jeder Hinsicht.

Zweifellos gibt es eine weit verbreitete Abneigung gegenüber der deutschen EU-Politik. Berlin gilt als Oberlehrer, der andere Mitgliedstaaten gängelt, insbesondere in Sachen Schulden. In der Tat steht eine Art Agenda 2010 in Frankreich noch aus. Ohne Reformen etwa beim starren Arbeitsrecht dürfte auch der Schuldenabbau kaum zu stemmen sein. Derart wenig populäre Maßnahmen müssen allerdings europäisch flankiert werden. Zum Beispiel durch ein groß angelegtes Investitionsprogramm. Hier mauert vor allem der deutsche Finanzminister. Bleibt es dabei, wird Macron keinen Erfolg haben. Kompromisse sind also notwendig.

Für Merkel wird das deutsch-französische Verhältnis damit auch zum Balanceakt zwischen europäischer Vernunft und den Erwartungen der eigenen Bevölkerung. Macron hat sich schon länger als europäischer Inte grator empfohlen. Auch für Eurobonds kann er sich erwärmen. Die hat Deutschland immer abgelehnt, und soweit muss es auch nicht kommen. Jedes Land ist für seine Schulden letztlich selbst verantwortlich. Aber ohne eine stärkere Kooperation im Euro-Raum wird die Gemeinschaftswährung auf Dauer kaum bestehen können. Ein wirtschaftlich starkes Europa auch nicht.

Paris und Berlin können sich hier als Motor erweisen. Die Chancen dafür sind mit dem Wahlsieg Macrons greifbar geworden. Es ist an Berlin, sie wahrzunehmen.

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