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| 16:23 Uhr

Buch und CD der Woche
Gedächtnisstütze und Poesie

Ida Kretzschmar
Ida Kretzschmar FOTO: LR / Sebastian Schubert
Am 23. August kommt der lang ersehnte Film von Andreas Dresen über Gerhard Gundermann in die Kinos. In Hoyerswerda und im Amphitheater der Neuen Bühne Senftenberg kann man ihn schon vorher sehen. Mehr noch: Auch im Gundermann-Buch, das zum Film erscheint, lässt sich schon blättern. Von Ida Kretzschmar

Obendrein kann man mit der CD bereits den Original-Soundtrack von Alexander Scheer und Band erleben. Achtzehn Lieder von Gundermann hat der Hauptdarsteller für den Kinofilm neu eingesungen, unterstützt von jener Band, die unter anderem Gisbert zu Knyphausen seit vielen Jahren musikalisch zur Seite stand. Die Lieder atmen Gundis unverkennbare Poesie, seinen rebellischen Geist, Kraft und Zerrissenheit. Und auch, wenn sie in heutigen Arrangements und Sounds mit einer anderen Stimme interpretiert werden – es passiert, was immer passiert, wenn man Gundermann-Lieder hört: Sie wärmen und zerreißen einem das Herz. Auch beim Blättern im Buch kann das geschehen. Allein die Fotos. Der Kameramann des Films ist Andreas Höfer, einer, der den Baggerfahrer und Rockpoeten vor etwa 30 Jahren oft fotografisch begleitet hat. Einige dieser Aufnahmen sind zu sehen, parallel zu Szenenfotos aus dem Film. Da gibt es den echten Gundi im Tagebau in den 80er- Jahren und seinen Darsteller Alexander Scheer im Drehort Tagebau. Was für eine erstaunliche Ähnlichkeit und Nähe. „Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse“, kommen uns auf dem Buchcover aus dem Ch. Links Verlag die Worte des Lausitzer Baggerfahrers entgegen, der zuletzt seine Arbeit verlor und sich zum Tischler umschulen ließ. Briefe, Dokumente, Erinnerungen und Fotos hat Herausgeber Andreas Leusink zusammengetragen, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Gedächnisstütze können sie sein und die Fantasie beflügeln, wie es im Vorwort heißt. Gundi war ein Widerspruchsgeist, der am Limit lebte. In der Mittsommernacht vor 20 Jahre ist er gestorben. Er wurde nur 43 Jahre alt. Das Buch ist keine Biografie, eher ein Lesebuch, kein chronologischer Lebenslauf, dafür gibt es viele, bisher unveröffentlichte Texte. Ingo Dittrich erinnert sich an die gemeinsame Zeit in der „Brigade Feuerstein“ in Hoyerswerda. Christiane Baumann versucht, Gundis IM-Tätigkeit bei der Stasi einzuordnen. Genosse und Rebell war er, Offiziersschüler und Befehlsverweigerer, Spitzel und Bespitzelter. Einer, der sich für eine bessere Welt ins Zeug legte und dafür überall aneckte. Was Conny Gundermann vom gemeinsamen Leben erzählt, wühlt regelrecht auf. Überhaupt gibt es tolle lesenswerte Interviews, auch zur Filmarbeit: mit Alexander Scheer und Andreas Dresen. Warum er diesen Film unbedingt machen musste, steht über dem Interview mit dem Regisseur: „Wir wollen die Deutungshoheit über unsere Biografien zurück.“

Andreas Leusink (Hg.) Gundermann. Ch. Links Verlag. 184 Seiten, 20 Euro
Andreas Leusink (Hg.) Gundermann. Ch. Links Verlag. 184 Seiten, 20 Euro FOTO: Ch. Links Verlag