| 19:57 Uhr

Allein gelassen

Johannes M. Fischer - Chefredakteur
Johannes M. Fischer - Chefredakteur FOTO: LR
Kommentar. Bundesinnenminister de Maizière hat derzeit viel um die Ohren. Sein Ministerium zieht um. Aber es gibt da auch noch ein paar andere, nicht ganz unwichtige Themen. Zum Beispiel die Flüchtlingsproblematik. Johannes M.Fischer

Dass

de Maizière jemals in Kittlitz war, ist unwahrscheinlich. Ein kleiner Ort mit wenigen Einwohnern. Viele dieser Menschen tragen in diesen Tagen ein ungutes Gefühl mit sich herum. Was nachvollziehbar ist: Kittlitz hat 137 Einwohner und erwartet 130 Flüchtlinge. Viele Kittlitzer sind ältere Menschen - das ist der demografischen Entwicklung in Deutschland geschuldet. Menschen also, die nicht mehr bedingungslos dem Gesetz der Jugend folgen, alles neugierig zu begrüßen, was bisher unbekannt war.

Also drängt sich die Frage auf: Wer kam eigentlich auf so eine schräge Idee, 130 Flüchtlinge nach Kittlitz zu bringen?

Es war nicht der Bürgermeister. Es war auch nicht der Landrat, der diese Idee famos fand. Und es war auch nicht der Innenminister von Brandenburg. Und ganz gewiss war es nicht der Bundesinnenminister. Im Grunde genommen war es niemand. Es war ganz einfach: Diese sonderbare Idee wurde aus einem Zwang des Landkreises heraus geboren. Irgendwo müssen diese Menschen ja hin. Und so viele Immobilien stehen dem Kreis nicht zur Verfügung. So einfach ist das.

Natürlich gibt es noch globale Faktoren. Kriege, Terror, Waffenhandel, Menschenhandel. Der fortwährende Kampf großer Mächte um geostrategische Einflusszonen. Auch der extreme Unterschied zwischen Arm und Reich spielt eine Rolle - wer will es einem zwanzigjährigen Afrikaner verdenken, wenn er aufbricht, sein Glück in Europa zu versuchen, wo es scheinbar alles gibt, was glücklich macht?

Das Dumme an der ganzen Sache ist nur: Diese globalen Faktoren interessieren sich nicht für Kittlitz. Wenn es dort ein Problem gibt, muss das sonst wer lösen. Landräte, Bürgermeister und Ortsvorsteher. Die Anwohner, die vielen Helfer, die Lehrer, die Sozialarbeiter. Sie sind es, die sich der Wut der Anwohner stellen.

Ja, es ist richtig, der Bundesinnenminister winkt mit dem Scheckbuch. Die Kommunen bekommen eine Milliarde Euro. Das ist nicht wenig. Aber es ist nicht genug, um den Landkreisen die Chance zu geben, alternative Möglichkeiten der Unterbringung zu schaffen.

Und natürlich hilft auch kein Geld der Welt, die Ursachen der weltweiten Flüchtlingsmisere zu beseitigen. 1990 versprach der amerikanische Präsident George W. Bush eine neue Weltordnung. Herausgekommen ist das globale Chaos. Es wird höchste Zeit, den internationalen Beziehungen wieder allerhöchste Priorität beizumessen. Deutschland könnte ja mal damit anfangen.

johannes.m.fischer@lr-online.de