ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 16:53 Uhr

Leitartikel zur Mondlandung vor 50 Jahren
Warum Europa wieder nach den Sternen greifen muss

 Von Ulrich Becker
Von Ulrich Becker FOTO: SWP
Cottbus. Die Mondlandung am 21. Juli 1069 (MEZ) war wirtschaftlich verrückt und wissenschaftlich riskant. Aber die Apollo-11-Mission hat Menschen weltweit für Technik begeistert. Heute scheitern dagegen wie in Deutschland Großprojekte, und es fehlen Visionen. Von Ulrich Becker

Die Magie der ersten Mondlandung ist ungebrochen. Obwohl der 20. Juli 1969 jetzt 50 Jahre zurückliegt, obwohl heutzutage jedes Smartphone technologisch den Systemen des Apollo-11-Raumschiffes haushoch überlegen ist, hat sich dieser Augenblick um 3.56 Uhr deutscher Zeit wie kaum ein anderer in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingegraben.

Was fasziniert uns daran heute noch so sehr? Die Sehnsucht, den 380.000 Kilometer entfernten Erdtrabanten zu erreichen? Die  für die damalige Zeit schier unglaubliche technische Leistung? Oder der Mut der Astronauten, die zu Helden einer ganzen Generation wurden?

Es ist sicher ein wenig von allem und wurde und wird in diesen Tagen gewürdigt. Aber die größte Leistung war, diese Unternehmung überhaupt zu wagen.

Apollo 11: Mondmission gegen jede wirtschaftliche Vernunft

Gegen jede wirtschaftliche und in Teilen auch wissenschaftliche Vernunft. Am 25. Mai 1961 verkündete US-Präsident John F. Kennedy vor dem US-Kongress, dass man „noch vor dem Ende dieses Jahrzehnts“ einen Menschen auf dem Mond landen lassen würde und „ihn dann sicher wieder zur Erde“ zurückbringen werde.

Kennedy war kein Träumer: Die Ankündigung folgte der kühlen Einsicht, dass die Russen im Rennen um das Weltall die Amerikaner überholt hatten.

Die USA hatten im Grunde nur diese eine Chance, den Widersacher des Kalten Kriegs zu überholen: indem sie den ersten Menschen auf den Mond brachten.

Mondlandung 1969: Irrsinn – der Sinn macht

Die Rechnung des US-Präsidenten ging auf – wenn auch zu immensen Kosten. Nach heutigem Gegenwert verschlang das Unternehmen Apollo 150 Milliarden Dollar. Ein Irrsinn – aber ein Irrsinn, der Sinn machte.

Die geglückte Landung löste eine ungeheure Technikeuphorie aus, die Sowjetunion konnte den technologischen Rückstand nie mehr wieder aufholen.

Wäre Kennedys „Space Race“ heute wiederholbar? Wohl kaum. Es sind der fehlende Mut und die Unfähigkeit zur Begeisterung, die solche Leistungen, zumindest in demokratischen Systemen, heute unmöglich machen.

50 Jahre danach: Großprojekte scheitern, Visionen fehlen

Große, ambitionierte politische Ziele wecken in allen Fällen Misstrauen. Ihnen wird Klientelpolitik zum Nachteil der Mehrheit unterstellt. Folgerichtig bilden sich Interessengruppen, die ihre persönlichen Bedürfnisse untergraben sehen und die solche Vorstöße verhindern.

Auf diese Weise scheitern in Deutschland immer mehr Großprojekte, von Visionen wie die einer Mondlandung ganz zu schweigen.

Genau diese Visionen sind es aber, die Gesellschaften oder auch internationale Gemeinschaften benötigen, um akzeptiert zu werden. Gelingt dies zum Beispiel der EU nicht, ist sie zum Scheitern verurteilt.

Warum Europa wieder nach den Sternen greifen muss

Im Wettbewerb der Systeme geraten Demokratien so immer stärker in die Defensive. Autoritäre Regierungen wie China befehlen den Aufbruch in die Zukunft.

Der Westen und vor allem Europa haben dem meist nur Zögerlichkeit entgegenzusetzen. Wenn wir aber weiter bestehen wollen, müssen wir Mut beweisen und – so banal es klingen mag – wieder nach den Sternen greifen.

Ulrich Becker ist Chefredakteur der Südwest Presse, der Partnerzeitung der Lausitzer Rundschau mit Sitz in Ulm.