Wir haben diese Geschichte Hunderte Male gehört. Millionenfach ist sie weltweit gelesen, erzählt, gedruckt, verfilmt worden. Maria, Josef, der Stall bei Bethlehem, Engel, Hirten. Die Weihnachtsgeschichte enthält starke Botschaften:
- das unschuldige Kind, das geboren wird und die Mächtigen sofort das Fürchten lehrt,
- der Sohn Gottes, der nicht in reichen Palästen sondern unter den Ärmsten der Armen in einem Stall zur Welt kommt.
Und immer wieder dieser Satz, den Maria, Josef und schließlich auch die Hirten von den Engeln zu hören bekommen: „Fürchtet Euch nicht!
Wir kennen diese Weihnachtsgeschichte. Aber doch ist da die Frage: Was bringt sie uns noch? Was bedeutet sie heute, in unserem Jetzt und Hier, in einer Corona-Pandemie, in unserem Alltag aus Weihnachtsstress, Job, Familie?
Fürchtet Euch nicht! Das ist eine Botschaft der Hoffnung, eine Botschaft, die Mut machen kann, eine Botschaft des Vertrauens. Aber ich fürchte mich.
Ich fürchte mich davor, wie ein ein Virus es schafft, unsere Gesellschaft zu spalten. Wie Menschen auf billigste Propaganda aus dem Internet hereinfallen und lieber selbsternannten Gurus und Facebook-Behauptungen vertrauen als Experten, die sich seit Jahrzehnten beruflich mit Viren, Impfstoffen und Pandemien beschäftigen.
Ich fürchte mich davor, was mit meinen Kindern geschieht, die in der Schule und Kita das ausbaden müssen, was Impfgegner, zögerliche Politik und überforderte Verwaltungen ihnen eingebrockt haben, die nicht die Freiheit haben, sich zu schützen vor einem Virus, dessen Langzeitfolgen wir noch gar nicht kennen können.
Ich sorge mich um banale und doch so existenzielle Dinge, um meinen Arbeitsplatz, um Energiekosten, um einen Alltag, der Arbeit, Haushalt, Familie und vielleicht noch Leben unter einen Hut bringen soll.
Ich fürchte mich auch, wenn ich an den Zustand meiner Kirche denke, wenn ich sehe, dass manche Bischöfe und Pfarrer das Sonntagsgebot wichtiger nehmen als die Nächstenliebe, wenn viele Menschen an diesem Weihnachtstag in Kirchenräumen zusammenkommen, weil das ja einfach dazugehört, weil es ohne ja nicht geht.
Ich fürchte mich, wenn ich sehe wie die, die stattdessen bewusst zu Hause bleiben und sich aus Rücksicht auf ihre Mitmenschen isolieren, im Stich gelassen werden.
Ich fürchte mich auch, wenn ich an Missbrauchsskandale in der Kirche denke, an Strukturreformen, die scheinbar wichtiger sind als Seelsorge und Nähe zu den Menschen.
Ich fürchte mich und zweifle, was aus einem synodalen Weg wird, den viele Katholiken mit so viel Hoffnung betreten haben.
Fürchte Dich nicht! Diesen Satz zu lesen und ihn zu befolgen, ist gar nicht so einfach.
Fürchte Dich nicht! Das ist nicht nur eine Botschaft der Hoffnung und des Mutmachens. Es ist auch eine Botschaft, die etwas von mir verlangt.
Fürchte Dich nicht! Das heißt auch, sich seiner Furcht zu stellen. Maria hat diesen Satz gehört, als sie erfuhr, dass sie schwanger ist, schwanger nur eben nicht von ihrem Verlobten.
Fürchte Dich nicht! Josef hat diesen Satz im Traum gehört, als er sich von Maria trenne wollte. Beide haben geglaubt, sie haben auf die Worte des Engels vertraut. Sie haben sich ihrer Furcht gestellt.
Kann auch ich das? Können wir das?
Fürchtet Euch nicht! Dieser Satz zeigt: Die Weihnachtsgeschichte ist mehr als Folklore, als Maria, Josef, Ochs und Esel, Krippe und Hirtenfiguren. Die Weihnachtsgeschichte enthält eine Botschaft, die heute noch so aktuell ist wie vor 2000 Jahren. Eine Botschaft, die uns alle betrifft, die uns helfen und Hoffnung geben kann.
Fürchtet Euch nicht! Sind wir dazu bereit?