Nach Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und Finanzminister Hans Eichel zeigte sich gestern auch Innenminister Otto Schily (alle SPD) offen für eine große Koalition. Der Option einer großen Koalition dürfe man sich nicht von vornherein widersetzen, sagte Schily. Müntefering bezeichnete Spekulationen über Koalitionen als kontraproduktiv. Der SPD-Politiker Erhard Eppler warnte vor zu hohen Erwartungen an eine große Koalition auf Bundesebene. Eppler war ab Oktober 1968 Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit im Kabinett der bislang einzigen großen Koalition auf Bundesebene unter dem CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger. Heftige Kritik übte die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Krista Sager. "Eine Elefantenhochzeit aus Union und SPD ist der dümmste gemeinsame Nenner", sagte sie gestern. Sympathien für eine große Koalition äußerte dagegen der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft verdi, Frank Bsirske, der Mitglied der Grünen ist.

Deutliche Ablehnung aus der Union
Die Union signalisierte, dass sie ein Bündnis mit der SPD klar ablehnt. Die SPD sei für die Probleme Deutschlands entscheidend verantwortlich - deshalb brächte eine große Koalition keine Lösungen. "Deutschland braucht hundert Prozent Politikwechsel, nicht nur fünfzig Prozent. Das geht nur mit einer stabilen Regierung aus Union und FDP", sagte CDU-Generalsekretär Volker Kauder. CSU-Chef Edmund Stoiber bekräftigte: "Wir wollen keine große Koalition. Das ist mit Sicherheit die zweitschlechteste Lösung."
Derweil könnte es neben dem bereits vereinbarten TV-Duell zwischen Bundeskanzler Schröder und seiner Herausforderin Merkel zu einem zweiten Fernsehstreitgespräch der beiden Politiker kommen. Dieses würde dann Ende August aber in größerer Runde stattfinden. Ein Unions-Fraktionssprecher bestätigte, dass Merkel für eine vom ZDF geplante Diskussion der Spitzenkandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien am 25. August zugesagt habe. ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender sagte, dass neben Merkel auch der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber, Grü nen-Spitzenkandidat Joschka Fischer und FDP-Chef Guido Westerwelle ihre Teilnahme an der "Berliner Runde" bestätigt hätten. Nur die SPD habe sich bislang nicht zur Einladung zu dem Streitgespräch geäußert.

Karlsruhe verhandelt heute über Klagen
Indes beginnt heute vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe die Verhandlung über zwei Klagen gegen die Bundestagsneuwahl. Geklagt hatten die Bundestagsabgeordneten Jelena Hoffmann (SPD) und Werner Schulz (Grüne). Hoffmann kritisiert unter anderem, in der Rede von Bundespräsident Horst Köhler zur Auflösung des Bundestags sei dessen vorrangiges politisches Interesse deutlich geworden, dass Deutschland eine neue Regierung brauche. (dpa/ab)