Die Sensation scheint perfekt. Nach 73 Jahren verliert die Bremer SPD wohl zum ersten Mal den Status als stärkste Kraft im kleinsten deutschen Bundesland. Geschlagen von einer CDU, die den zunächst völlig unbekannten Polit-Neuling Carsten Meyer-Heder als Spitzenkandidaten aus dem Hut gezaubert hatte. Wie bei einer Punktlandung zum Wahltag konnte der Zwei-Meter-Mann mit Glatze und Kinnbart in der Beliebtheit deutlich aufholen.

Lange, lange haben die Wähler hingenommen, dass Bremen in diversen Bereichen im Ländervergleich Schlusslicht ist. Nun aber haben doch viele die Nase von den sozialdemokratischen Dauerregenten voll. Dass die Genossen in Bremen und Bremerhaven ein deutlich besseres Ergebnis als die Bundes-SPD in der Europawahl erzielten, dürfte die Partei rund um den bisherigen Bürgermeister Carsten Sieling kaum trösten. Zumal das Debakel in der jahrzehntelangen Hochburg auch den Druck auf die Parteispitze in Berlin erhöht.

Dabei ist nicht einmal ausgeschlossen, dass die Sozialdemokraten an der Weser trotzdem weiterhin den Regierungschef stellen können. Zumindest dann, wenn sich die Grünen für Rot-Grün-Rot mit starken Linken erwärmen können – und nicht mit Jamaika der CDU zum ersten schwarzen Bürgermeister in Bremen überhaupt verhelfen. Die Grünen als Königsmacher. Ihnen jedenfalls haben die Wähler in der Hansestadt die Problemfelder bei der Abstimmung nicht übel genommen, obwohl sie seit Jahren mit in der Regierung sitzen.

Können sich die Sozialdemokraten doch noch in die Landesregierung retten, muss das aber nicht heißen, dass ihr Spitzenkandidat Sieling auch Bürgermeister bleibt. Der deutlich charismatischere Ex-SPD-Landeschef Andreas Bovenschulte hat sich im Hintergrund nämlich schon dafür warm gelaufen, den Chefsessel zu erobern. Aber egal, wie die schwierige Regierungsbildung ausgeht: Auch an der Weser bleibt wenig, wie es war.

politik@lr-online.de