Semmi, wann geht der nächste Zug nach München? So fragt ein Reisender am Berliner Hauptbahnhof den neuen Auskunfts-Roboter. Semmi schweigt. Der Reisende versucht es nochmal: „Wann geht der nächste Zug nach München?“ Semmi: „Entschuldigung?“ Eigentlich soll der Roboter Bahnkunden über den Fahrplan informieren. Doch Semmi läuft nicht rund. Damit geht es dem System wie seinem Arbeitgeber selbst, der Deutschen Bahn. Vom Prinzip her eine tolle Idee. Doch die Umsetzung ist bescheiden. Wird es der Staatskonzern jemals schaffen, sich aus den Negativ-Schlagzeilen zu manövrieren?

Die Anzeichen für eine Kehrtwende stehen nicht gut. So gab die Bahn nach einer Sonderaufsichtsratssitzung bekannt, dass die Tätigkeiten von 26 Ex-Beratern geprüft werden sollen. Es deutet sich an, dass der Aufsichtsrat nicht von allen Beraterverträgen wusste – und ob eine Gegenleistung erbracht wurde, ist ebenfalls unklar. Externe müssen klären, ob Bahnchef Richard Lutz als ehemaliger Finanzvorstand Dreck am Stecken hat. Lutz muss sich außerdem mit kaputten ICE4 rumschlagen. Der Konzern stoppte die Auslieferung der Fernverkehrszüge, weil Schweißnähte fehlerhaft waren. Noch vor der ersten Fahrt, droht das designierte DB-Flaggschiff zum Flop zu werden.

Pannen, Pleiten, Gemauschel. Seit Jahren prangern Bahnbeobachter Managementfehler an. Sie kritisieren, dass Beratungsfirmen Millionen abschöpfen, eigentlich aber keine Ahnung vom System Schiene haben. Selbst dem Vorstand sind die Beträge für Berater zu groß geworden. So sollen Medienberichten zufolge zwischen 2015 und 2018 mehr als 500 Millionen an Berater geflossen sein. Angesichts des 20-Milliarden-Schulden-Lochs, das künftig weiter anwachsen wird, beschloss der Vorstand eine Deckelung der Kosten.

Ein weiteres Problem liegt im Bürokratie-Apparat begründet. Wie Bundestagsabgeordnete aus ihren Wahlkreisen berichten, dauert es teilweise Monate, bis ein mickriger Bahnübergang genehmigt oder ein Schild am Bahnhof aufgestellt wurde. Nun versucht die Bahn sich mit dem Verkauf der Auslandstochter Arriva auf das Inlands-Kerngeschäft zu konzentrieren – und ein paar Milliarden in die leeren Kassen zu spülen. Doch das wird nicht reichen, um Lutz‘ ehrgeizige Pläne umzusetzen – zumal das politische Mega-Thema Klimaschutz die Bahn automatisch stärker in den Blickpunkt rücken wird.

Am Dienstag will der Bahnchef dem Aufsichtsrat seine neue Strategie der „Starken Schiene“ vorlegen. Darin schildert er die schöne neue Eisenbahnwelt. 30 Großstädte will der Konzern im Halbstundentakt verbinden, 100 000 neue Mitarbeiter anstellen und die Vernetzung von Carsharing-Angeboten, Leihrädern und E-Scootern erleichtern. Klingt alles super – theoretisch. Doch wer für Lutz‘ Ideen zahlen soll, ist unklar. Die Bundesregierung dürfte angesichts der neuerlichen Querelen nicht gerade erfreut sein über die notwendigen Milliarden-Investitionen. Und im Gegensatz zum Roboter Semmi, der erstmal eine sechswöchige Testphase durchläuft, muss die Bahn liefern. Jetzt.

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