Es gibt ein paar ewige Wahrheiten in der Politik, und für ihre Gültigkeit ist es völlig egal, ob die handelnden Personen im großen Berlin agieren oder im kleinen Erfurt, oder vom großen Berlin ins kleine Erfurt fahren, um dort für Ordnung zu sorgen. Die vielleicht zentralste dieser Wahrheiten lautet: „Warum eine Strategie vermuten, wenn Dummheit als Erklärung ausreicht?“

 Im Zweifel sollte man also keinen großen Plan, keine gezielte Absprache hinter dem Desaster von Thüringen vermuten, sondern eher tölpelhafte Unfähigkeit. Dass auf die überraschende Wahl des FDP-Mannes Thomas Kemmerich der schnellste Rücktritt in der Geschichte der Bundesrepublik folgte, spricht ebenfalls dafür, dass hier nicht gerade die hellsten Strategen der parteipolitischen Landschaft am Werk waren.

Doch leider ändert das Zustandekommen der Tat nichts an ihren Folgen. Die AfD kann sich zufrieden zurücklehnen und mit Wonne den Schaden betrachten, den sie mit wenig Aufwand angerichtet hat: FDP-Chef Christian Lindner ist gezwungen, sein gesamtes politisches Gewicht in die Waagschale zu werfen, um sein vorzeitiges Karriereende zu verhindern und die Liberalen vor dauerhaftem Schaden zu bewahren. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer musste öffentlich bekennen, dass ihre Autorität noch nicht mal ausreicht, um den Landesverband in Thüringen auf Linie zu bringen. Die SPD drohte kurz und vage mit einem Ausstieg aus der ungeliebten großen Koalition, um sich dann darauf zu konzentrieren, den Rücktritt des Ostbeauftragten zu fordern.

Weil die AfD nicht als konstruktive, sondern als destruktive politische Kraft wirkt, dürfte sie sich am bisherigen Gipfel ihrer Erfolge wähnen. An politischer Gestaltung ist die Partei nicht interessiert, sondern lediglich daran, die anderen Parteien, das politische System, die bisherige Prägung der Demokratie zu zerschlagen. Ihr geht es nicht darum, etwas zu gestalten, sondern ausschließlich darum, die anderen dabei scheitern zu sehen. Die Zerstörung des Etablierten ist das eigentliche Element der AfD.

Das Problem ist, dass die Konkurrenten der AfD bislang nicht in der Lage sind, eine kohärente Strategie gegen deren destruktiven Politikansatz zu entwickeln. Hier wäre in erster Linie die CDU gefragt, sind es doch zumeist enttäuschte Konservative, die in der AfD eine neue Heimat suchen. Doch die ist schon zu lange zu sehr in innerparteiliche Konflikte verstrickt, als dass sie einen klugen Umgang mit den neuen Rechten hätte entwickeln können.

Die Folge ist, dass auf der einen Seite immer mehr Christdemokraten die Linken gar nicht mehr so schlecht finden, zumindest dann, wenn es gegen die Rechten geht. Auf der anderen Seite des Spektrums hingegen glauben auch hochrangige CDU-Politiker (vor allem aus dem Osten), dass es lohnt, mit der AfD zu sprechen oder zusammenzuarbeiten. Wer das Ergebnis einer solchen Zerrissenheit begutachten will, muss sich die Lage in Erfurt ansehen – und sich davor fürchten, dass es im großen Berlin bald ebenso aussieht.

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