German Angst ist im Ausland ein fester Begriff. Er beschreibt das ausgeprägte Sicherheitsbedürfnis der Deutschen. Wissenschaftler führen es auf die traumatischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts zurück: den Ersten Weltkrieg, die große Inflation, die Nazizeit, den Zweiten Weltkrieg.

Natürlich ist Angst kein ausschließlich deutsches Phänomen. Doch sie hat hierzulande eine große emotionale Intensität. Sie hat auch heute Hochkonjunktur – mit negativen Folgen. Denn die Angst vor dem Scheitern und das Festhalten an alten Strukturen bremst Innovationen, verhindert Risikofreude – und noch schlimmer: führt zu Stillstand.

Die Angst vor Fehlern zeigt sich in allen Bereichen: dem Gesundheitswesen, der Digitalisierung, der Landwirtschaft. Besonders deutlich wird sie derzeit aber im Verkehrssektor – eigentlich der Paradedisziplin der Deutschen.

Angst kann sich das Land gerade hier aber nicht leisten. Denn die Transformation der Mobilität ist eine der größten industriellen Umwälzungen und entscheidet darüber, ob Deutschland konkurrenzfähig bleibt. Sie entscheidet über Hunderttausende Arbeitsplätze. Skeptisch wird daher jede neue Idee gesehen. Ingenieure tüfteln so lange, bis jeder Fehler ausge­merzt ist – und erst nach vielen Tests, Abwägungen und Zweifeln treffen Manager dann Entscheidungen. Das ist im Bahnsektor so, wo andere Länder schon seit Jahrzehnten ihr Schienennetz digitalisiert haben. Das ist in der Autobranche so, wo die großen Unternehmen längst auf Alternativen zum Verbrenner hätten setzen können, es aber nicht taten.

Auch die Debatte über den E-Tretroller ist ein Beispiel für die „German Angst“. Lobbyisten bauten früh eine Misstrauenskulisse auf, sodass der elektrische Flitzer für viele zum Hassobjekt wurde. Verbände warnten, dass Fußgänger wortwörtlich überrollt werden. Die Debatte hatte auch etwas Gutes: So wurden E-Roller von Gehwegen ausgeschlossen. Viele Unfälle blieben Fußgängern erspart.

Doch sollte die Angst dazu führen, es dann ganz sein zu lassen? Nein. Denn neue Mobilitätskonzepte einzuführen, heißt nicht, dass sie so bleiben müssen. Wenn etwas nicht funktioniert, kann man es neu machen. Das ist auch bei E-Rollern der Fall. Hier sind Anpassungen notwendig, weil einige Nutzer andere Verkehrsteilnehmer gefährden. Neue Formen der Mobilität müssen nicht perfekt sein. Sie sind ein Versuch, Innovationen zu umarmen, statt Ideen am Zweifel scheitern zu lassen. Machen statt jammern – von dieser Start-up-Mentalität könnten sich viele Unternehmen eine Scheibe abschneiden.

Neues zu wagen, bedeutet aber noch lange nicht, dass das Alte nutzlos ist. Nur weil E-Roller existieren, sind Radfahrer und Fußgänger nicht weniger wichtig. Nur weil die Regierung das E-Auto fördert, heißt es nicht, dass der Verbrenner plötzlich verschwindet. Nur weil Oberleitungs-Lkw auf Autobahnen getestet werden, bedeutet das keine Abkehr vom Schienen-Güterverkehr. Das zu verdeutlichen, ist ebenso wichtig wie die Veränderung selbst, denn es nimmt Angst.