Mehr als eine Milliarde Einwohner, Atommacht, boomendes Wirtschaftsland – und eine Demokratie. Indien stellt im Spiel der Mächte einen nicht zu unterschätzenden Faktor dar. Zum fünften Mal hat sich die halbe Bundesregierung dorthin auf den Weg gemacht, um sich mit ihren indischen Kollegen zu treffen. Die Größe der Wirtschaftsdelegation, die sie begleitet, übersteigt das Fassungsvermögen des Regierungsfliegers. An guten Kontakten zu dem südasiatischen Riesen herrscht also beträchtliches Interesse.

Für die Bundesregierung ist es gleichwohl eine heikle Reise. Denn Indiens überaus populärer Ministerpräsident Narendra Modi erweist sich nicht in allen Ecken seines Landes als hingebungsvoller Demokrat.

So beendete er im Handstreich den Sonderstatus des mehrheitlich muslimischen Bundesstaates Jammu und Kaschmir, teilte den Staat und sperrte Hunderte führende Politiker ein – mit der Begründung, sich gegen Terroristen zu wehren.

Sicherlich wird Kanzlerin Angela Merkel diesen dunklen Fleck auf der indischen Weste ansprechen. Aber bei allen Vorbehalten gegen Modis Populismus und die weit verbreitete Korruption darf man nicht vergessen, dass Indien nach wie vor eine Demokratie ist – und ein wichtiger strategischer Partner für Deutschland. Nicht nur als Gegengewicht zum Nachbarn China.

Es hat außerdem ein genauso großes Interesse wie Deutschland, die internationalen Institutionen für die Lösung von Konflikten zu stärken statt den muskelbepackten Alleinkämpfern in Washington, Peking und Moskau ausgeliefert zu sein. Auf diesem schwierigen Weg kann Deutschland jeden Verbündeten gut gebrauchen.

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