Ist von den positiven gesellschaftlichen Wirkungen des Sports und seiner Großveranstaltungen die Rede, heißt es oft: Er überwinde Grenzen, bringe die Menschen zusammen, schaffe friedliche, begeisternde Feste der Völkerverständigung. Die Leichtathletik-WM in Katar, die an diesem Wochenende zu Ende geht, ist nichts davon. Das absurde Event im Wüstenstaat tritt all diese Ideen mit Füßen – und zeigt schonungslos, in welche gefährliche Richtung sich der Spitzensport bewegt.

Dass die Wettkämpfe, die Höchstleistungen der Athleten, die es ja trotz allem gibt, von den Begleitumständen „überschattet“ würden, ist eine noch verharmlosende Umschreibung. Schon die Vergabe in das superreiche Emirat ist von schweren Korruptionsvorwürfen belastet, die Ermittlungen laufen noch. Menschenrechtler kritisieren, dass die Sportstätten von Gastarbeitern unter Bedingungen aufgebaut werden, die sich nahe an der Zwangsarbeit bewegen. Wenn dann reihenweise Sportler in der Hitze kollabieren, Wettkämpfe zur Geisterstunde und vor leeren Rängen ausgetragen werden und die Einheimischen lieber Kamelrennen gucken, wird das Sport-Event endgültig zur Farce. Mitten in der globalen Klimadebatte ein ganzes Stadion mit einer Riesen-Anlage auf 25 Grad herunterzukühlen, zeigt die Absurdität, ein solches Event in der Wüste abzuhalten.

Doch leider ist diese Leichtathletik-WM nur ein besonders augenfälliges Symptom für die schleichende Korrumpierung des Sports, der sich vom großen Geld und der Geltungssucht autoritärer Herrscher und Regime schlicht kaufen lässt.

Gewiss: Korruptionsvorwürfe und fragwürdige Veranstaltungen gab es im Sport immer wieder. Auch die olympischen Spiele in China, die Fußball-Weltmeisterschaften in Brasilien und Russland zum Beispiel waren umstrittene Image-Werbung für autoritäre Regime oder lösten ökologische und soziale Verwerfungen in den Gastgeberländern aus.

Doch wurde in diesen Fällen die Kritik von anderen Bildern überdeckt, sobald es losging: Fröhliche Gastgeber, begeisterte Zuschauer und die Magie des Sports ließen die Schattenseiten schnell zur Nebensache werden. In Katar ist diese Form des Selbstbetrugs kaum möglich, kann keine gesellschaftliche Positiv-Stimmung vom Elefanten im Raum ablenken: dass der viel beschworene Geist des Sports hier von Geld und Macht pervertiert wird. Man könnte die leise Hoffnung hegen, dass es ein heil­samer Schock ist, eine Lehre für die Zukunft. Doch dann wäre man wohl ziemlich naiv.

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